



|
 |
ROSA MYSTICA. Devotion
to the Virgin Mary in Medieval Bohemia.
Schola Gregoriana Pragensis 1995
ROSA MYSTICA. Devotion to the Virgin Mary in Medieval Bohemia. SCHOLA
GREGORIANA PRAGENSIS - David Eben. Supraphon Records. 1 CD; 55'46, SU
0194-2 231. LC 0358. 1995.
IN PRAGENSI ECCLESIA. Christmas at Prague's Cathedral During te Reign
of Charles IV. SCHOLA GREGORIANA PRAGENSIS - David Eben: Supraphon, A.S.
1 CD; 66'57, SU 3191-2 231. 1996.
Der erste und kürzere (ca. 16') Teil der CD "Rosa mystica" enthält sieben
Gesänge aus dem authentischen Repertoire des Gregorianischen Chorals,
und zwar aus dem Proprium Missae (Of. Ave Maria, Gr. Audi filia, Co. Ecce
virgo) und dem Officium (Hy. Ave Maris stella, Resp. Sancta et immaculata),
eine Lesung aus Jesaja (7, 10-15) und als eine Besonderheit gegenüber
den zahlreichen sonstigen Einspielungen einen Psalmus alleluiaticus aus
dem Graduale Simplex (Eructavit cor meum GS 297).
Die 1987 gegründete und aus etwa zehn Herren bestehende Schola Pragensis
singt auf der Grundlage der Semiologie, sehr einheitlich und sicher, mit
einem i.allg. dunklen, angenehmen Timbre. Die Gesänge werden zügig und
bewegt vorgetragen und enthalten keine melodischen Korrekturen, sondern
richten sich nach den gedruckten Ausgaben.
Die Zäsur zwischen beiden Teilen ist eine zweistimmige Motette aus dem
14. Jahrhundert, bei der die beiden Stimmen auch verschiedene Texte singen.
Danach folgen spätgregorianische Gesänge aus dem 14. und 15. Jahrhundert
aus böhmischen Handschriften, einstimmige im Stil des alten Gregorianischen
Chorals, zusätzlich einige wenige Gesänge in früher Polyphonie.
Die spätgregorianischen Gesänge gehören vor allem zum Officium des Festes
Mariä Opferung (Darstellung Mariä im Tempel) und des Festes Mariä Heimsuchung.
Zu den gewohnten Formen der Officiumsgesänge wie Antiphonen, Responsorien
und Hymnen treten auch Allelujaverse und als neue Formen Cantiones, Lieder
im "mensuralem" Rhythmus, auch fügen sich derart rhythmisierte Tropen
in Allelujaverse ein. Verbunden mit interessanten melodischen Weiterentwicklungen
finden sich viele Kompositionen im Geist des ursprünglichen Gregorianischen
Chorals. Und es ist wohltuend, grundsätzlich die semiologisch orientierte
Ausführung dieser Gesänge zu hören, deren Komposition, soweit sie neben
den der späteren Zeit entsprechenden größeren Intervallen Tonfolgen aufweist,
die den ursprünglichen ähnlich sind, auch eine ähnliche rhythmische Gestaltung
nahelegt.
Der zweite Teil dieser Einspielung unterscheidet sich in der Ausführung
von dem ersten. Die späteren Gesänge sind weicher und geschmeidiger, mit
unterschiedlicherem Relief gesungen; sie wirken reifer. Zusätzlich steht
der "mensurale" Rhythmus trotz der Berücksichtigung des Textinhalts in
einem interessanten und spannungsvollen Gegensatz zu dem semiologisch
orientierten Rhythmus, gerade wenn Tropen zu einem Gesang hinzutreten.
Weiterer Unterschied ist die Aussprache des lateinischen Textes: Im ersten
Teil wird das Latein in italienischer Art ausgesprochen, im zweiten wie
in Deutschland bis zum 2. Vatikanischen Konzil, also "c" vor hellen Vokalen
wie "z", "g" immer wie das deutsche "g". Die selbstverständliche Art der
jeweiligen Sprachgestaltung wirkt weder unpassend noch doktrinär. Ob sie
zwingend ist, ist eine andere Frage. Aber was wissen wir schon über die
Sprachfärbung des Lateinischen durch die Jahrhunderte hindurch, oder auch
nur im 10. Jahrhundert in Rom, Albi, Benevent, Metz oder St. Gallen. Wer
einmal an der Gregoriana in Rom Vorlesungen gehört hat, als diese noch
in lateinischer Sprache gehalten wurden, könnte Interessantes dazu beitragen.
Das Booklet von 34 Seiten Umfang enthält die lateinischen Texte aller
Gesänge (außer den Lesungen), dazu in tschechischer, englischer und französischer
Sprache deren Übersetzung und eine brauchbare Einführung in das Programm.
Die CD "Rosa Mystica" wurde in Tschechien mit einer Medaille in Gold für
die beste Einspielung des Jahres 1995 ausgezeichnet. Die CD "In Pragensi
Ecclesia" vermittelt (mit ausgewählten Gesängen) das faszinierende Erlebnis
der Feier einer mittelalterlichen liturgischen Weihnachtsnacht im Prager
St. Veits-Dom von der ersten Vesper über die Matutin bis hin zur dritten
Weihnachtsmesse. Die Einspielung basiert auf Quellen der 2. Hälfte des
14. Jahrhunderts, besonders den Handschriften, die der erste Erzbischof
von Prag, Ernst von Pardubice, für das Metropolitankapitel von Prag 1363
in Auftrag gab. Die Gesänge weisen viele Veränderungen der ursprünglichen
gregorianischen Melodien auf, aber man hört sie mit Spannung, zumal sie
mit großem Engagement, stimmlichem Können und Textverständnis vorgetragen
werden. Wenn zur Zeit König Karls IV. auch so gesungen wurde, dann kann
es die ganze Nacht durch niemandem langweilig geworden sein. Spätere mittelalterliche
Formen erweitern die früheren, Tropen selbstverständlich, zum Agnus Dei,
zum Introitus, zur Lesung, und die mehrstimmigen Lesungen der Matutin.
Diese haben jeweils verschiedene Anlage, zwei- oder dreistimmig, einige
mit solistischen Partien (wobei sich auch Solisten verschiedener Stimmlage
abwechseln), einige ganz mehrstimmig, mit langen oder kürzeren mehrstimmigen
Melismen, die sich jeweils nur an wenigen Stellen des Textes oder an zahlreichen
finden: Ein überaus spannendes farbiges und abwechslungsreiches Tableau
dieser frühen Mehrstimmigkeit. Die drei Weihnachtsmessen fanden im Prager
St. Veits-Dom an drei verschiedenen Orten statt, die erste im Westchor
Unserer Lieben Frau - daher folgt dem Introitus Dominus dixit auf der
CD das Kyrie de Beata Virgine - die zweite in der Wenzelskapelle - die
Prozession dorthin wird von dem Hymnus Lumen clarum begleitet und in der
Einspielung dadurch markiert. Die dritte Weihnachtsmesse wurde im Hauptchor
gefeiert. Ihrem Introitus geht ein Tropus voraus, der wiederum an verschiedenen
Punkten der Kathedrale von Solisten und Gesamtchor im Wechsel gesungen
wurde.
Das Booklet dieser CD entspricht in Anlage und Inhalt dem oben genannten,
enthält aber auch die vollständigen Texte der Lesungen.
Heinrich Rumphorst
|