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Besprechung aus
BzG 44, S. 174
Die Göttinger Choralschola
mit dem schönen Namen, der einst auch die FS für Godehard Joppich (BzG
13/14) zierte, konnte 2006 ihr 25jähriges Jubiläum begehen. Der Mitschnitt
dieses Geistlichen Konzerts dokumentiert einen hohen Stand hinsichtlich
theologischer Aktu-alität, semiologischer Gesangskultur und frischer,
spontaner Stimmkultur. Die Gruppe ist eine 10 Personen starke gemischte
Schola, greift also ähnlich wie die Grazer Choralschola mit ihrem Singen
im Oktavabstand eine Tradition der mittelalterlichen Klöster auf. Jeder,
der eine solche Gruppe einmal zur Homogenität zu formen hatte, weiß, dass
diese Anforderung erheb-lich höher einzuschätzen ist als bei einer gleichgeschlechtlich
besetzten Schola.
Die Aufnahme lässt erkennen, dass langjährig geübte Stimmen (Pfarrer,
Musiker/innen) sich mit neu zu integrierenden Menschen der Universitätsstadt
Göttingen treffen, was in etwa ein semiprofessionelles Ambiente bedeutet.
Bei den Herren würde man sich ein wenig mehr an Legato und an Helle und
"Kopfigkeit" wünschen, um noch besser mit den Frauenstimmen zu verschmelzen;
dann wäre auch die Gefahr des Detonierens gebannt.
Johanna Grüger hat
die Früchte ihrer langjährigen semilogischen Studien, was die interpretatorische
Seite angeht, in gelungener Weise auf ihre Sängerinnen und Sänger übertragen.
Selbstverständlich wurden in allen Stücken notwendige Melodiekorrekturen
vorgenommen, auch wenn diese noch nicht in den Vorschlägen der BzG publiziert
wurden.
Die Feier beginnt mit dem TR Qui confidunt vom Sonntag Laetare. Danach
werden die Gat-tungen Communio, Graduale, Hymnus, Offertorium, Responsorium
prolixum gesungen; litur-gisch geht die Reise von Laetare über Kirchweih,
die Passionszeit, die Trauermetten hin zum Advent und zu einem gemeinsam
mit der Zuhörergemeinde gebeteten Vater unser. Nach einem Segenswunsch
rundet der zweite Teil des HY Urbs beata Ierusalem das Programm ab. So
vielfältig wie die gesungenen Formen, so abwechslungsreich sind die Soloverse
gelungen: Die Zahl der weiblichen wie männlichen Solist/innen zeugt von
Mut und gesunder Unbefangenheit! Gut austariert ist das Verhältnis zwischen
lateinisch-melismatischen Gesängen und deutscher "Lesung": Drei auf Deutsch
gesungene Klagelieder aus dem 1. Kapitel der Lamentationes werden mit
Responsorien meditativ "kommentiert" und münden dann ein in den sinngerecht
gesprochenen, großartigen Text aus der Apokalypse des "Dritten Jesaja"
Jes 65, 17-25.
Der Schola ist es gelungen, anhand der Auswahl der Gesänge alle vier altkirchlichen
Ausdeutungen des Bildes "Jerusalem" Klang werden zu lassen: von der historischen
Stadt über das Bild für Kirche (allegorische Deutung) und das für die
Seele (moralische Deutung) hin zum Desiderat des himmlischen Jerusalem
(anagogische Dimension). Das Mühen um größtmögliche theologische Dichte
sowie Vollständigkeit der Gesänge hat zwei Seiten: Angenehm die reiche
Zahl von Psalmversen, welche zu den Communio-Antiphonen Ierusalem quae
aedificata und Exsulta filia Sion solistisch vorgetragen werden. Dass
zum OF Super flumina auch alle drei hochmelismatischen Verse erklingen,
bringt vielleicht die Gemeinde an den Rand der Aufnahmefähigkeit, besonders
jedoch die Solistin leicht an ihre stimmliche Grenze. Eine Kleinigkeit:
Die Textfassung des HY Urbs Jerusalem ist nicht die AM 694 abgedruckte,
sondern eine Variante, welche in Analecta Hymnica 51 p.110 zu finden
ist.
Dass die ganze Gruppe in der zweiten Hälfte eines so dichten Programms
nicht mehr ganz so frisch und schwungvoll klingt wie zu Beginn, gehört
zu den Unabänderlichkeiten einer Live-Darbietung. Dennoch: Das Projekt
ist nachahmenswert und verlangt alle Achtung vor dem Engagement einer
monatelangen Vorbereitung und Übungszeit. Das Booklet bietet neben einer
Einführung in die Theologie des Programms eine Notiz sowie ein Bild zur
Schola, dann aber nur den lat. Text der Gesänge. Unter http://www.cantando-praedicare.de/progr_urbs-beata.pdf
kann jedoch das lat.-dt. Textblatt vom Konzert in ausführlicher Form heruntergeladen
werden.
Bernhard Pfeiffer
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