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INTROITUS - Grazer
Choralschola 1996
INTROITUS. Gregorianik im Kirchenjahr. GRAZER CHORALSCHOLA. Franz Karl
Praßl. ORF-CD 058. LC 5130. 4 CDs I996.
Schon im September 1996 konnte man in der Umgebung des Wiener Stephansdoms
über die Grazer Choralschola "stolpern": Überall Plakate, die zum Konzert
der Schola am 5. Oktober 1996 in eben diesem Dom einluden. Die Werbung
hatte Erfolg: 1500 Besucher wurden gezählt. Was man auf den Plakaten nicht
erfuhr: Mit diesem Konzert sollten vier CDs mit den neuesten Aufnahmen
der Grazer Choralschola vorgestellt werden, die der ORF mit seinem Kulturprogramm
1 produziert hatte.
Aufgenommen waren die Gesänge dieser CDs im Zisterzienserstift Rein bei
Graz an jeweils drei Tagen im November 1995, Januar, März und Juni 1996.
Die Box der CDs enthält eine kurze Beschreibung des Inhalts: "Introitus
- gregorianischer Gesang am Beginn der Meßfeier. Erstmals liegt ein kompletter
Zyklus für die Sonn- und Feiertage des Jahres in einer CD-Edition vor.
Mehr als ein Drittel der 69 Gesänge sind Erstaufnahmen, darunter die Introitustropen
- poetisch-musikalische Erweiterungen der Festliturgie im Mittelalter.
"Neu" für viele Hörer ist auch der Sound der Grazer Choralschola: wie
vor 1000 Jahren singen hier Ober- und Unterstimmen gemeinsam.
" Den Introitus hat man "bei der Formung des Gregorianischen Chorals eine
besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Sie sind das ‚Resultat eines einzigen
konzentrierten Schöpferakts' (James McKinnon)." Diesen Worten aus dem
Booklet (S. 9) möchte man hinzufügen: Und die Darbietung auf diesen vier
CDs ist dem kongenial. Es ist eine bewundernswerte Leistung, eine so große
Zahl von Gesängen in relativ kurzer Zeit aufzunehmen: Etwa 223 Minuten
gregorianische Gesänge bieten die vier CDs zusammen. Es ist aber nicht
nur die Fülle, es ist in erster Linie die Interpretation der Gesänge.
Daß die Semiologie Grundlage der Interpretation ist, ist selbstverständlich,
aber man hört es deutlich: sie ist Grundlage und nicht schon Interpretation.
Man glaubt, was man gesungen hört. Das Flehen um Hilfe im In. Exaudi,
Domine (CD 3/1) vollzieht man mit, sehr differenziert das Terribilis est
locus iste (CD 2/3), nicht Angst einflößend, sondern Ehrfurcht vermittelnd.
Im Introitus Nos autem gloriari oportet (CD 1/7) ist das "Wir aber müssen
uns rühmen" nicht nur theoretischer Wortinhalt, sondern das gloriari ist
auch die Stimmung, die durch den Vortrag der Schola akustisch vermittelt
wird. Der In. Resurrexi (CD 1/8) ist in der inneren Zurückhaltung des
Staunens gestaltet, die das Charakteristikum der Komposition ist. Der
In. vom Ostermontag (CD 1/9) heißt am Anfang: Introduxit vos Dominus in
terram fluentem lac et mel - "Hineingeführt hat euch der Herr in das Land,
das strömt von Milch und Honig". lac et mel ist so fein differenziert
gesungen, daß selbst derjenige, für den "heiße Milch mit Honig" als Mittel
gegen Erkältungen kein Vergnügen ist, bei diesem Introitus von "Milch
und Honig" schwärmen wird. Die Beispiele mögen genügen.
Auch wenn man gelegentlich den Eindruck hat, daß da mal ein Introitus
noch nicht ausgereift ist: Die Gestaltung der Gesänge durch die Grazer
Choralschola kann man schlichtweg als Schulbeispiel empfehlen, man kann
an der Ausführung der Antiphonen und der zugehörigen Psalmverse nicht
nur die Gesetzmäßigkeiten der Semiologie studieren, sondern (s.o.) auch
die Interpretation auf ihrer Grundlage. Die Schola singt voll Temperament,
und das kann dann auch schon mal durchgehen; so wäre der z.B. Anfang des
In. Omnia quae fecisti (CD 3/16) sicher wirkungsvoller, wenn die Schola
nicht gleich am Anfang so stark und intensiv sänge, sondern mehr zu Domine
hinführte. Danach freilich hat auch dieser Introitus ein gutes und dem
Text entsprechend differenziertes Relief.
Daß man z.B. auch manchmal den einen oder anderen Pes mehr zur zweiten
Note geführt oder die eine oder andere Tristropha leichter und beweglicher
hören möchte, haben sich Praßl und seine Schola selbst zuzuschreiben.
Sie machen ihre Sache nämlich insgesamt so gut, daß man Vollkommenheit
ständig erreicht hören möchte. Aber das wäre unmenschlich, denn es sind
ja (engagierte) Menschen, die da singen, sieben Damen und sieben Herren.
Und die Zusammensetzung der Schola, die - man möchte es kaum glauben -
erst seit 1992 besteht und den Gregorianischen Choral in Liturgie und
geistlichem Konzert pflegt, wird gut ausgenutzt. Die Introitusantiphonen
werden immer von beiden Gruppen gesungen, die Psalmverse jeweils von einem
oder mehreren weiblichen bzw. männlichen Solisten. Dadurch entsteht zusätzliche
Farbigkeit.
Eine Besonderheit der Einspielung sind die Tropen, die mit 14 Introitus
verbunden sind, Erweiterungen des ältesten Repertoires im 9. bis 11. Jahrhundert.
Es sind solistisch gesungene Texte, die den kodifizierten ursprünglichen,
meist der Bibel entnommenen Gesangstext ausweiten und interpretieren.
M.W. zum ersten Mal hat man die Möglichkeit, durch die Fülle dieser hier
mit Tropen gesungenen Introitus wirklich einen Eindruck von dieser besonderen
Kunst des Textierens und Komponierens zu bekommen.
Auf die Kunst des Textierens sollen zwei Beispiele hinweisen:
1. Die dem Booklet entnommene deutsche Übersetzung des Introitus Dominus
dixit der ersten Weihnachtsmesse (CD 4/5), wobei der Text des Tropus kursiv
gedruckt ist: "Seht, der Sohn Gottes spricht, das fleischgewordene Wort:
der Herr spricht zu mir. Die göttliche Majestät bezeugt den Sohn mit der
Stimme des Vaters: mein Sohn bist du. Die Stimme des Vaters, zugewandt
dem Sohn, macht es uns heute offenbar: heute habe ich dich gezeugt." Der
Antiphon folgt der Psalmvers (hier von Damen gesungen) und die Wiederholung
der Antiphon ohne Tropen. Der Text Die Stimme des Vaters, zugewandt dem
Sohn, macht es uns heute offenbar verdeutlicht genau das, was in der Komposition
geschieht, die nämlich in der schlichten Melodie das Wort meus "mein (Sohn)"
durch längere Notenwerte profiliert. Und wie das dann gesungen wird, ist
einfach schön!
2. Im In. Viri Galilaei von Christi Himmelfahrt (CD 1/15) folgt nach dem
"quid admiramini aspicientes in caelum - "was staunt ihr, während ihr
zum Himmel hinaufschaut der Text: "Laßt euch weder betrüben noch verwirren..."
Es wird damit also genau der Inhalt des "admiramini - staunt ihr" erklärt
bzw. gefüllt und gerade dies Wort ist es, das in dem biblischen Text der
Apostelgeschichte, aus dem der Introitustext genommen ist, gar nicht steht,
sondern dort heißt es nur: "quid statis - was steht ihr da?"
Die Tropen zeigen sich auch in der gelungenen Darbietung durch die Solisten
als etwas spätere Schöpfungen, was die manchmal nicht geringen Anforderungen
an die Sänger und die rhythmische Gestalt angeht. Für sie gibt es offenbar
keine adiastematischen Aufzeichnungen.
Besondere Aufmerksamkeit widmet Praßl der Ausführung der Liqueszenz. Dabei
bietet eine komplexe Konsonantenverbindung die Möglichkeit dazu, durch
die Nuance eines Staus eine besondere Verbindung zum folgenden herzustellen.
In der gesanglichen Ausführung besteht leicht die Gefahr, daß eine Gruppe
oder ein Solist dabei ein Loch entstehen läßt vor der nächsten Silbe und
dadurch den gesanglichen Zusammenhang unterbricht. Dieser Gefahr ist die
Gruppe glücklicherweise meist entgangen. Singulär in dieser Einspielung
ist der Gesang, der für den Palmsonntag geboten wird: Ingrediente Domino.
Das ist nämlich ein Responsorium, das man auch vor der Liturgiereform
zum Einzug durch die Kirche gesungen hat. Es erklingt hier in einer sehr
frühen Form der Mehrstimmigkeit mit einem tieferen Bordunton, der von
den tieferen Männerstimmen gesungen wird.
Eine besondere Hervorhebung verdient auch das Booklet. Darin gibt der
promovierte Theologe, Hochschulprofessor und Leiter der Grazer Choralschola,
Franz Karl Praßl, in sechs Abschnitten eine sehr lesenswerte kurze Abhandlung
über die liturgische Bedeutung und Entwicklung des Introitus, seine Textquelle,
die Komposition und die "liturgietheologischen Dimensionen" dieses Gesanges.
So weist er z.B. hin auf die theologische Verbindung des Introitus Nos
autem gloriari oportet (CD 1/7) am Gründonnerstag zum Ostersonntag, dem
Fest der Auferstehung, und auf den noch größeren Bogen vom 1. Fastensonntag
mit dem In. Invocabit me (CD 1/1) zu demselben Fest; und er macht darauf
aufmerksam, daß in den Introitus der Sonntage außerhalb der geprägten
Zeiten häufig der konkrete Mensch im Mittelpunkt steht: "Fast 20 der hier
aufgenommenen Beispiele sind Ich-Gesänge, der Beter wendet sich in seiner
ganzen persönlichen Individualität... an seinen Gott."
Das Booklet nennt auch die Handschriften, nach denen die melodischen Korrekturen
vorgenommen wurden, und enthält die lateinischen Texte aller Gesänge mit
deutscher Übersetzung; diese entspricht dem Gesangstext und ist nicht
einfach der Einheitsübersetzung entnommen.
Insgesamt: Eine in jeder Hinsicht vorbildliche und erfreuliche Produktion.
Vivant sequentes!
Heinrich Rumphorst
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