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A Monastic Breviary
of Austrian Provenance. Martin Czernin
Martin Czernin, A Monastic Breviary of Austrian Provenance: Linz, Bundesstaatliche
Studienbibliothek 290 (183). Printouts from an Index in Machine-Readable
Form (Musicological Studies Vol. LV l 3). xxii,168 S., Ottawa, Canada:
The Institute of Mediaeval Music,1995 (ISBN 0-931902-96-7).
An vielen Universitäten Nordamerikas ist der Besitz eines Computers, so
kann man des öfteren lesen, Grundvoraussetzung für die Einschreibung des
Studenten. Mit der Immatrikulation erhält er automatisch ein Internet-Account,
einen Zugang zum weltweiten Netz des elektronischen Daten- und Informationsaustausches.
Hinter diesem bedingungslosen Technisierungszwang steht die Überzeugung,
daß Lernprozesse und mithin der Informationserwerb künftig neben der bald
2000 Jahre alten Form des Buches zunehmend über elektronische Medien verlaufen.
Die Perspektive der sich aus der weltweiten Vernetzung ergebenden Möglichkeiten
führt nun zu dem Wunsch, in den verschiedenen Interessenbereichen möglichst
umfassende Datenpools zu bilden. Ohne großen Umstand, nur die technische
Ausstattung vorausgesetzt, könnte jeder Teilnehmer weltweit Informationen
hinzufügen oder abrufen; es verbänden sich ideale Informationssammlung
und idealer Informationszugriff. In der Praxis sind jedoch die meisten
der elektronischen Datenbanken im Internet nur für den Abruf frei zugänglich,
um eine Qualitätsnorm der erfaßten Daten zu gewährleisten.
Eine solche Datenbank stellt auch das CANTUS-Projekt dar, in dessen Rahmen
Martin Czernins Buch erschienen ist. Sie wurde zum Zweck der Erforschung
des Gregorianischen Chorals an der School of Music der Catholic University
of America (CUA, Washington, D.C.) unter der Leitung von Ruth Steiner
entwickelt.
Einige - an dieser Stelle zu Kürze verpflichteten - Erläuterungen zu CANTUS
sollen dem Leser der BzG das Verständnis der Publikation, die sich im
Untertitel als "Printouts", also als maschinell aufbereitetes Datenmaterial,
ankündigt, erleichtern. Die in CANTUS verfügbaren Dateien erfassen die
Gesänge von 26 Handschriften (Stand: Juni 1996) mit der Angabe von Foliozahl,
liturgischer Lokation und Funktion, Textincipit, Referenznummer in Hesberts
Corpus Antiphonalium Officii (CAO, Bd. 3 und 4), Siglen der bei Hesbert
in den ersten beiden Bänden enthaltenen Handschriften sowie Modus und
Psalm-Differenz. Dabei entspricht jeder Handschrift eine einzelne Datei
und darin wiederum jedem Gesang eine einzelne Zeile, in der standardisiert
jeder der genannten Kategorien eine maximale Anzahl von Zeichen zugeordnet
ist (z.B. Folioangabe: 4 Zeichen; etwa: 096r). Durch diese Form der Aufbereitung
ist die Kompatibilität der Daten zu verschiedenen Softwareanwendungen
gegeben, wobei die CANTUS-Redaktion das Programm dBase empfiehlt, das
z.B. die Suche nach einem Textincipit, einem bestimmten Heiligenfest usw.
ermöglicht. Der Nutzen einer CANTUS-Datei liegt also sowohl in der Funktion
eines Index zur jeweiligen Handschrift, als auch in der Möglichkeit, Gesänge
nach bestimmten Kriterien zu suchen.
Mit dem von Czernin erstellten Index zum Codex 290 (183) der Bundesstaatlichen
Studienbibliothek in Linz ist nun bereits die sechste Publikation von
CANTUS-Indices in Buchform erschienen. Der Band bietet in der Einleitung
eine kurze Beschreibung der Handschrift (S. vii), bei der es sich um das
älteste der acht in Linz aufbewahrten Breviere aus der zweiten Hälfte
des 12. Jahrhunderts handelt, dessen Gesangstexte größtenteils mit adiastematischen
Neumen versehen sind. Es folgt ein Abriß der ihm gewidmeten Forschungsgeschichte,
insbesondere im Bezug auf die Provenienz (viii/ix), für die Czernin aufgrund
der ausführlichen Einträge zum Fest des Agapitus von Praeneste (f. 341v-344v)
das oberösterreichische Kloster Kremsmünster feststellt, dessen Patron
der Heilige war. An einen Überblick über die Kloster- und Bibliotheksgeschichte
von Kremsmünster (ix-xi) schließt sich ein kurzer Abschnitt mit Beobachtungen
zum Verhältnis des Breviers zu dem ihm vorgebundenen Hymnar an (xi/xii).
Das ursprüngliche Offizium des hl. Benedikt, das in der Handschrift auf
f. 309v-311v im 14. Jahrhundert durch das Reimoffizium Praeclarum late
ersetzt wurde (entsprechend findet sich im Index auf S. 62 für die entsprechende
Stelle der Eintrag "Palimpsest"), rekonstruiert Czernin unter Berufung
auf liturgische Kongruenz dieses Abschnittes mit Handschriften der früheren
Diözese Passau, ohne jedoch nähere Angaben zu seinen Quellen zu machen
(xii/xiii). Für die Rekonstruktion der in Krems-münster während des 12.
Jahrhunderts üblichen Psalm-Differenzen (xiv-xii) haben die nachträglichen
marginalen Anmerkungen zweier Schreiber an 84 Antiphonen Anhaltspunkte
gegeben. Allerdings kommt in diesen Gesängen die zweite Differenz des
Protus authenticus nicht vor, deren Melodie im zweiseitigen diastematischen
Notenbeispiel Czer-nins notiert ist, während der zweite Schreiber für
die Antiphon Liberavit dominus pauperem auf f. 211r eine vierte Differenz
des Tetrardus authenticus angibt, die nicht in die Differenzen-Rekonstruktion
Eingang gefunden hat. Mag auch an letzterer Divergenz ein Druckfehler
Schuld haben, so wird man doch die rekonstruierten Melodien als eine -
wenn auch wahrscheinliche - Annäherung betrachten müssen. Den Schluß der
Einleitung bilden die zur gewinnbringenden Benutzung der darauf folgenden
Indices unverzichtbaren Erläuterungen zur Anordnung und Bedeutung der
oben erwähnten CANTUS-Erfassungskategorien und zur Verwendung der Abkürzungen.
Der Hauptteil beginnt mit der Auflistung der Gesänge des Breviers (f.
96r-396v) in der von der Handschrift vorgegebenen Reihenfolge, wobei zunächst
nur die ursprünglichen Einträge des 12. Jahrhunderts aufgenommen wurden
(S. 1-101) sind die Spalten dabei im Buch gegenüber der Version für den
Computerbildschirm durchgängig auseinandergezogen, da hier die direkte
Aufeinanderfolge ja nicht mehr nötig ist und auch die Lesbarkeit erschweren
bzw. das Druckbild stark beeinträchtigen würde. Ebenfalls in der Reihenfolge
der Handschrift folgen die nicht im CAO verzeichneten Gesänge, von denen
ein größerer Anteil mit einem "+" als spätere Hinzufügung kenntlich gemacht
ist (102-5). Der zweite Teil des Index, in dem die Gesänge nach Gattungen
alphabetisch aufgelistet sind, beginnt noch einmal mit den "Non-CAO Chants"
(106-9), um die übrigen Gesänge dann in einer auf die vier Spalten: Incipit,
CAO-Nummer, Folio und Modus verkürzten Form darzubieten (110-57). Für
die Hymnen (158-61) treten dann wieder Angaben zur Stellung im Stundengebet
und zu den Konkordanz-Siglen Hesberts hinzu. Nach den Varia und den Klageliedern
des Jeremia (162) schließt der Band mit einer Liste der Festtage und den
ihnen zugeordneten achtstelligen Fest-Codes (163-6) sowie dem Verzeichnis
der Heiligen (167-8).
Der große Verdienst des CANTUS-Index von Martin Czernin liegt in der Erschließung
einer bisher für größere Forscherkreise unzugänglichen Quelle, die insbesondere
für die österreichische Choraltradition von herausragender Bedeutung ist.
Die in der Einleitung gegebene konzise Einführung in die Handschrift und
ihr Umfeld ist instruktiv geschrieben und gibt dem weitergehend Interessierten
eine Fülle gründlich recherchierter, weiterführender Literatur an die
Hand. Zur Beantwortung detaillierterer Fragestellungen wird der Leser
die angekündigte Dissertationsschrift des Autors, "Das Breviarium Monasticum
Codex 290 (183) der Bundesstaatlichen Studienbibliothek Linz. Eine quellenkritische
Untersuchung des ältesten erhaltenen Brevieres aus dem Benediktinerstift
Kremsmünster", sicher mit Erfolg heranziehen können.
Der Index ermöglicht vor allem Repertoirevergleiche und kann einer eventuellen
späteren Faksimile-Ausgabe als Inhaltsverzeichnis dienen. Die gewählten
Kriterien der Aufbereitung (nach Ordnung der Handschrift bzw. alphabetisch
nach Gattungen) sind sinnvoll und ermöglichen einen schnellen Zugriff,
der auch eine Unterscheidung zwischen ursprünglichen und später ergänzten
Gesängen beinhaltet. Eine Alternative zum Abruf der Datenbank über das
Internet kann das Buch jedoch nur für diejenigen Benutzer sein, die sich
mit dem Computer nicht anfreunden mögen; auch wenn eine dem Online-Benutzer
freistehende Sortierung in Tonarform bei dieser Handschrift ergebnislos
bliebe, weil sich Angaben zum Modus nur sehr sporadisch finden, sei das
Argument angeführt, daß die Datenbankja gerade dafür konzipiert wurde,
die enthaltenen Informationen nach beliebigen Kriterien umzustrukturieren
oder zu durchsuchen. Weiterhin sind das günstigere Kosten/Nutzen-Verhältnis
und die vielseitigere und schnellere Handhabung, gerade bei der vergleichenden
Arbeit mit mehreren Handschriften, als Vorteile der elektronischen Benutzung
zu nennen.
Gänzlich unverständlich ist, trotz der offensichtlichen Ausrichtung des
Buches auf die den Verlockungen der Technik widerstehenden Forscher, daß
die Internet-Adresse der CANTUS-Homepage an keiner Stelle erwähnt wird;
sie lautet: www.cua.edu/www/musu/cantus.
Markus Krafczinski
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