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"Cantabant variis melodiis...".
Zur Überlieferung von Alleluia und Vers "Loquebantur variis linguis"
von Karlheinz Schlager (Auszug)


Den gesamten Beitrag finden Sie in Beiträge zur Gregorianik 29, S. 31 bis 42

I
Die zunehmende Vermarktung des lateinischen Chorals als musikalisches "Sedativum" oder als vermeintliche Marktlücken füllendes "Exoticum" trübt das Bewusstsein für die eindringliche, in die Liturgie eingebundene Wortverkündigung, die der Choral leistet, für die ihm eigene spirituelle "Resonanz"1, und für die gewachsene Vielfalt an Formen und Gattungen, die mit diesem ersten großen Repertoire abendländischer Musik verbunden ist. Es erscheint unter diesen Vorzeichen geboten, die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Individualität von Gattungen, Texten und Melodien zu lenken, um einer oberflächlichen und bedenkenlosen Rezeption entgegenzuwirken und um im Bewusstsein der Fülle des Ganzen auch den Wert des Einzelnen erfahren zu können. Der Blick richtet sich in diesem Beitrag auf das Alleluia der Messe als Gattung und auf das Alleluia "Loquebantur variis linguis" zum Pfingstfest.2

II
Wie die übrigen Gesangsteile für die Zeiten des liturgischen Tages, so hat auch das Alleluia der Messe seine eigene Geschichte, seine eigene Formung und seine eigenen Überlieferungsbedingungen. Bekanntlich besteht das überlieferte Mess-Alleluia aus zwei Teilen: aus dem Alleluia-Ruf, der im Jubilus textlos ausklingt, und aus einem Vers, der überwiegend dem Psalter entnommen ist. Es spricht vieles dafür, dass diese Zusammenstellung von Alleluia und Vers einer ursprünglichen Disposition entspricht und weder ältere Wurzeln in einem profanen "jubilare sine verbis" besitzt, noch eine Reduktionsform darstellt. Die Formung dürfte mit der Entstehung und Festlegung der Choralgattung erfolgte sein, im Rahmen einer jüngeren Entwicklungsstufe des Proprium Missae, an der auch das Graduale und das Offertorium teilhatten.3

Zu den besonderen Überlieferungsbedingungen, die den Kantorengesang des Mess-Alleluia von Anfang an kennzeichnen, gehört es, dass nur ein Teil der Gesänge einen festliegenden und beständigen liturgischen Ort aufweist, eine feste Bindung zu einem Formular für einen bestimmten Sonntag oder Festtag erhalten hat. Vor allem für die zweite Hälfte des Kirchenjahres und für Festtage zu Ehren von Bekennern, Märtyrern, Aposteln und anderen liegen in den Kantatorien und Gradualien jeweils separate Zusammenstellungen von Alleluia-Versen vor, aus denen eine Auswahl getroffen werden konnte.

Ein weiteres Kennzeichen in der Überlieferung dieser Gattung ist die Verwendung einer Melodie für mehrere Texte – einer geschlossenen, vollständigen Melodie, die weder als Cento aus formelhaften Bausteinen noch als einfaches und flexibles Rezitationsmuster entstanden ist. Die Anpassung verschiedener Texte an den Melodieverlauf erfolgte in einem ersten Stadium im ältesten Kernbestand offensichtlich noch unter den Bedingungen mündlicher Überlieferung, d.h. man hatte keine Tonfolge vor Augen, zu der man einen neuen Text setzen konnte, sondern für den neuen "sekundären" Vers stand nur das Gedächtnisprotokoll einer Melodie mit einem zu ersetzenden anderen "primären" Vers zur Verfügung. Obwohl mit dem Einsetzen von graphischen Vortragszeichen für die Melodien eine insgesamt bemerkenswert einheitliche Überlieferung des Choral-Corpus dokumentiert ist, wird man im Falle von Primär- und Sekundärtexten zu Alleluia-Melodien Varianten in der Textunterlegung erwarten können, die mit den Bedingungen einer Adaption verschiedener Texte an eine Melodie innerhalb oraler Tradition erklärbar werden.4

Eine dritte Eigenart der Alleluia-Überlieferung ist der hohe Anteil von Melodien und Versen, die nicht einem verbreiteten Kernbestand angehören, sondern nur regional begrenzt nachweisbar sind. Man findet sie im 10. und 11. Jahrhundert vor allem in Südfrankreich und Italien, im hohen und späten Mittelalter sind Süddeutschland und Böhmen Schwerpunkte eines überaus reichen Neuschaffens von Melodien und Texten. Man kann diese Beobachtungen auch mit Zahlen belegen: Wenn man die Überlieferung des 10. und 11. Jahrhunderts überblickt, dann steht einem Kernbestand oder einem Standardrepertoire von etwa 70 Melodien ein Regionalrepertoire von über 250 Melodien gegenüber, d.h. die gesamteuropäisch überlieferten Melodien und Verse bilden weniger als ein Drittel des Bestandes, der sich ergibt, wenn man die zeitlich und örtlich begrenzt tradierten Alleluia-Melodien einbezieht.5

Es wird keine andere Choralgattung geben, mit der ähnlich oder vergleichbar freizügig verfahren wurde; das Alleluia ist der Baustein aus dem Proprium Missae, der am leichtesten ersetzt und erneuert werden konnte, vom Beginn der Überlieferung an bis ins hohe und späte Mittelalter. Nur verhältnismäßig wenige Melodien und Verse stehen offenbar unter dem Gesetz der Vereinheitlichung von Formularen, das auf andere Gattungen der wechselnden Eigengesänge der Messe eingewirkt hat. Diese Tatsache hat sicher Auswahl und Restauration der Alleluia-Gesänge für die praktischen Choralausgaben erschwert; andererseits erlaubt der große Anteil an lokalem Eigengut – ebenso wie die hoch- und spätmittelalterliche Erweiterung des Bestandes – bis heute Einblicke in Geschichte und Schichtung der mittelalterlichen Monodie, die aus der Perspektive anderer Choralgattungen nicht möglich sind.

FORTSETZUNG BzG 29 S.32


 
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