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Chartres, Bibliothèque
Municipale, cod. 47
von Rupert Fischer (Auszug)
Den gesamten Beitrag finden Sie in Beiträge
zur Gregorianik 28, S. 73 bis 89
Vorbemerkung: Das Graduale Chratres 47 wurde – wie die gesamte Bibliothek
von Chartres – am 26. Mai 1944 ein Raub der Flammen, die von einem um
6 Uhr früh erfolgten Bombardement herrührten.1 Die wenigen erhaltenen
Bücherfragmente sind in Paléographie Musicale XVII, Solesmes 1958, veröffentlicht.
Von einigen Handschriften ist der Text durch frühere Abschriften ganz
oder in Auszügen erhalten, andere sind durch Fotografien erhalten. Das
Graduale des Codex 47 war bereits 1912 in Paléographie Musicale XI in
Faksimile veröffentlicht worden.
Kodikologische Angaben
– Bibliotheksbezeichnung: Chatres, Bibliothèque Municipale, cod. 47
– Zitierung: Cha, auch Cha 47
– Veröffentlichung: Paleographie Musicale XI, Tournai 1912; Nachdruck:
Berne 1972
– Datierung: 10. Jahrhundert2
– Es handelt sich um ein Graduale
– die Messen der Heiligen sind integriert – mit Prozessionsantiphonen;
– Es werden (nach der Pal. Mus.) die Seiten gezählt
(obwohl die Foliozählung gut sichtbar ist).
– Herkunft: aus der Bretagne3
Inhalt des Codex 47
Im Codex 47 waren einst mehrere Schriften vereinigt4:
1. Zwei Vorsatzblätter mit "Orationes pro diversis",
2. das mit fol. 3 beginnende "Antiphonarium D. Gregorii cum notis musicis",
das Graduale, der älteste Teil der Handschrift,
3. 16 Folios (fol. 70–85), deren Schrift auf das 12. Jahrhundert zu weisen
schien, mit dem "Ordo in die cene Domini"5.
Veröffentlicht in Pal. Mus. XI ist nur das "Antiphonarium D. Gregorii
cum notis musicis"
(Nr. 2).
Das Graduale umfasste 67 Folios (fol. 3 bis 69) zu je ca. 295 auf 215
mm. Das erste Folio fehlt (wahrscheinlich Titelseite); so wurde fol. 9
(S. 13 und 14) beim Binden weiter in den Rücken des Einbands hineingezogen,
was sich ungünstig auf die Lesbarkeit der Neumen am inneren Rand auswirkt.
Die sieben Lagen sind auf dem letzten Blatt verso jeweils mit römischen
Zahlen nummeriert, die von einem Quadrat bzw. (V und VII) von einem auf
den Kopf gestellten Dreieck eingerahmt sind. Die Lagen hatten je 8 Folios
mit Ausnahme der zehnten, die nur 6 hatte. Nach der 7. Lage (fol. 53v
= S. 102) bildeten die restlichen Folios wahrscheinlich zwei Quaternionen.
Jede Seite der ersten zwei Lagen zählt 21 Linien für den Text, darüber
stehen die Neumen. Mit Beginn der 3. Lage (ab S. 27) haben wir nur mehr
18 Linien, wodurch mehr Platz für die Neumen ist.
Lakunen des Graduales
– Es fehlt fol. 2 (das erste Folio).
– Zwischen fol. 34v und 35r (S. 64 und 65) fehlt ein Doppelblatt = die
Mitte der 5. Lage und damit der 2. Teil der Com. Mitte manum, die Messen
des 2. bis 5. Sonntags nach Ostern, die des hl. Tiburtius und Valerianus
(14. April), des hl. Georg (23. April), der Litaniae maiores mit dem ersten
Teil der Com. Petite et accipietis (der Rest steht auf S. 65).
– fol. 40 bis 69 (ab S. 75) sind durch Feuer beschädigt, ein Schaden,
der sich bis zu einem Drittel des einzelnen Folios ausdehnt.
– Am Schluss fehlen einige Folios, die die Prozessionsantiphonen für die
Sonntage nach Pfingsten enthielten.
Inhalt des Graduales
S. 1: Beginn mit Intr. Ad te levavi des 1. Adventssonntags, Advent, Weihnachtsfestkreis
mit Heiligenfesten
20/7: Septuagesima, Sexagesima, Quinquagesima
23/4: Feria IV cinerum, Fastenzeit
52/2: Dominica in Palmis, Karwoche
59/14: Ostersonntag, Osterwoche
64: Dominica in albis – Lakune
65: Rest der Com. Petite et accipietis der Litaniae maiores, Heiligenfeste
67/3: Messe "Terribilis est" (Dedicatio basilicae S. Mariae ad martyres)
68/3: In ascensione domini, Dominica post ascensionem, S. Urbani,
Sabbato in vigilia Pentecostes
70/9: Dominica Pentecostes, Pfingstwoche, Heiligenfeste
88/14: Votivmessen 91/14: Hebdomada I post Pentecosten: Sonntage nach
Pfingsten
101/6: De S. Trinitate (Messe "Benedicta sit"), De itinere
102/8: 111 Alleluia-Melodien
116/6: Alleluia-Jubili ohne Text
119/2: die 112. Alleluia-Melodie (V. Qui confidunt)
119/5: Prozessionsantiphonen
132: Gloria-Patri-Melodien in den 8 Psalmtönen
133: Gloria in excelsis deo, Credo in unum deum
134: Prozessionsantiphonen der Sonntage nach Pfingsten (unvollständig)
134/19: spätere Hand und andere Notationsart: Teil der Ant.
Deus amator bonorum dirige viam
Notation6
a) Allgemeines
Die Notation der Handschrift gehört zur "notation mixte" der bretonischen
Notation, deren Domäne die Bretagne armoricaine7 ist. Die Handschrift
stammt sicher aus einem bretonischen Skriptorium. Diese "notation mixte"
wurde nicht in Chartres verwendet; alle Handschriften von Chartres (mit
Ausnahme von dreien, wo von zweiter Hand Zusätze mit bretonischer Notation
sind) verwenden französische Neumennotation. "Als allgemeine Kennzeichen
der bretonischen Notation sind deren weitgehende relative Diastematie
und die schräg aufsteigende und senkrecht absteigende Schriftachse zu
nennen ..."8 Durch die diastematische Stellung von Punctum und
Tractulus und durch Verwendung der Virga, wie auch durch die Verwendung
von Zusatzbuchstaben zur Kennzeichnung der Tonhöhe (siehe diese) gibt
uns der Schreiber manchen wertvollen Hinweis für die Melodierestitution.
b) Die Neumen in "unseren" Stücken
Vorbemerkung: Da das Alleluia im Messformular jeweils nur mit dem Incipit
angegeben ist und alle Alleluia-Melodien ab S. 102/8 bis 119/4 (insgesamt
111 mit ihrem Vers, bzw. ihren Versen) verzeichnet sind, wird die S. 107
mit dem Alleluia V. Dies sancti-ficatus (107/7–8) vollständig wiedergegeben.
Die (wegen der Beschädigung des Folios zum Teil ergänzten) Texte der Verse
und deren Übersetzung sind im Anhang zu diesen Ausführungen abgedruckt.
FORTSETZUNG BzG 28 S.73

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