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Das Modusverständnis
in der Musica enchiriadis.
Zu den Kapiteln von der Organalehre
von Andreas Ostheimer (Auszug)
Den gesamten Beitrag finden Sie in Beiträge
zur Gregorianik 28, S. 35 bis 72
Wenn die Musica enchiriadis erwähnt wird, so denkt man an das Organum,
das dort zum ersten Mal beschrieben sein soll. Dass dieser Beginn der
Mehrstimmigkeit aber nur in den letzten Kapiteln, genauer in 6 von 19
Kapiteln, behandelt wird, ist nur demjenigen bekannt, der den Traktat
vollständig gelesen hat. In neueren Veröffentlichungen gilt zudem noch
immer als Aufbauprinzip des Traktats ein teleologisches Konzept, das das
Organum als Ziel und Erfüllung der ganzen Lehre betrachtet2:
Die Musica enchiriadis ist in ihrem Aufbau also durchaus nicht (jedenfalls
nicht nur) so aufzufassen, daß die einzelnen Lehrstücke (...) je gleichgewichtig
zu einem Kursus der gesamten Musiklehre aneinandergefügt sind; vielmehr
ist die Mehrstimmigkeitslehre das Ziel dieser Schrift, die von Anfang
an auf dieses Ziel hin konzipiert ist. Nicht nur muß – wie gesagt – das
einstimmige Singen ‚durchrationalisiert‘ sein, bevor das symphonische
Singen hinzutreten kann. Es wird sich auch zeigen, daß die Tonordnung
hier speziell im Blick auf die Begründung des artifiziellen Organums erstellt
ist, (...).
Im folgenden wird die Lehre der Musica enchiriadis nur in ihren wesentlichen
Grundzügen dargestellt.
Die wesentlichen Züge sind nach Eggebrecht der markante Beginn des Traktats,
die Erstellung der Tonordnung und -schrift, sowie dem unmittelbar folgend
das artifizielle Organum. Über die weiteren Kapitel werden nur, wenn überhaupt,
in Nebensätzen und Fussnoten kleine Anmerkungen gemacht.
Es gibt kaum eine Untersuchung, die sich mit den Kapiteln beschäftigt,
die keine Organa enthalten3. Anhand der Darstellungen und Beispiele
in der Musica enchiriadis sollen deshalb hier die Teile der Lehre, die
bisher immer ausgelassen wurden, näher betrachtet werden. Die Beschäftigung
mit den descriptiones hat den Vorteil, neben der Theorie auch zugleich
deren Anwendung zu zeigen4. Dabei wird hier der Schwerpunkt auf
die musikalische Seite gelegt, die Darstellung in der Schriftlichkeit
ist ein Gegenstand späterer Überlegungen5.
Kapitel I
Nach der Entwicklung des Dasiasystems in den Kapiteln 1 bis 4 und der
knappen Unterscheidung zwischen authentischen und plagalen Modi in Kapitel
5 werden in Kapitel 6 innere Bezüge im System besprochen. Bislang hatte
jeder Ton seine Eigenheit darin, dass er von den Nebentönen durch Ganz-
oder Halbtonschritte getrennt war. Nun wird seine Position im System dadurch
bestimmt, dass er neben sich ebenfalls Töne mit unterschiedlichen Eigenheiten
hat: Das System entsteht durch die regelmäßige Wiederholung von Tönen
mit untereinander verschiedenen Eigenheiten. So wird ein Ton an seiner
Position dadurch bestimmt, dass an fünfter Stelle nach oben und unten
sich seine Eigenheit wiederholt, dass an dritter Stelle auf beiden Seiten,
bzw. an zweiter Stelle nach der einen Seite und vierter nach der anderen
zwei Töne mit gleicher Eigenheit stehen6:
Omnis sonus musicus habet in utramque sui partem quinto loco suaemet
qualitatis sonum, tertio loco in utrumque latus sonum eundem, et quem
in hoc aut illo latere secundum habet, in altero habet quartum. Dandum
quoque aliquid eis est, qui minus adhuc in his exercitati sunt, quo vel
in noto quolibet melo sonorum proprias discant discernere qualitates vel
ignotum melum ex nota eorum qualitate et ordine per signa investigare.
Diese ganze Übung soll den Schüler mit dem System vertrauter machen, so
dass er im Erklingenden die einzelnen Töne erkennt wie aus dem Schriftbild
allein unbekannte Melodien singen kann. Die Dasiaschrift dient zum Erlernen
des Unbekannten, aber daneben das System auch der tieferen Erkenntnis
des Bekannten7.
Das Bewegen innerhalb des Tonsystems muss natürlich geübt werden. Es geschieht
am besten, wenn die Zeichen gelesen, mit den griechischen Tonortbezeichnungen
benannt werden und schließlich die Tonfolge gesungen wird. Am Ende des
Kapitels sind dafür einige Beispiele gegeben8:
Diese kleinen Tonbewegungen geben zunächst für den jeweils angegebenen
Ton eine Orientierung in nächster Umgebung. So wird etwa für den tritus
der Halbtonschritt abwärts zum deuterus angeführt, für den deuterus
selbst die große Terz abwärts. Doch schon hier hätte man im Blick auf
das gesungene Repertoire andere Wendungen erwartet. Für den deuterus
etwa den Halbtonschritt über ihm, der hier für den tritus abwärts
verwendet wird. Beim tritus wäre doch eher die Großterz darüber
als kennzeichnend zu erwarten. Eine Hinführung zum Choral ist hier nicht
mitbeabsichtigt, es geht nur um eine Orientierungsübung im Tonsystem der
Musica enchiriadis. Und so sind die Beispiele auch zu lesen. Das
erste beginnt auf dem tritus und bezieht den deuterus mit
ein. Damit ist die Mitte des Tetrachords, der Halbton zwischen e und f
festgelegt. Sukzessive können nun in den Floskeln die im Text zuvor gegebenen
Bezüge zwischen den einzelnen Tonstufen erklärt werden. Die zweite Tonbewegung,
die vom deuterus ausgeht, erweitert den bisherigen Tonumfang nach unten
bis zum tetrardus des tieferen Tetrachords. In der zweiten Zeile geht
die erste Tonbewegung vom eben erschlossenen archoos aus und öffnet
die kleine Terz über sich. Damit wird der tritus wieder angesteuert, von
dem aus der archoos an dritter Stelle nach unten positioniert ist. Nach
der im Kapitel darüber aufgestellten Regel muss folglich auf der dritten
Position nach oben ebenfalls ein archoos stehen, dies zeigt die
in der ersten Zeile über dem archoos stehende Tonfloskel. Im gleichen
Verhältnis zueinander stehen die Beispiele des deuterus und des
tetrardus. Die Inversion des tetrardus-Beispiels zeigt den
Zusammenhang zwischen den Beziehungen dritter Stelle und fünfter Stelle:
Auch die Übereinstimmung der zweiten mit der vierten Position auf der
anderen Seite ist am archoos in bezug auf den deuterus zu
zeigen.
Es geht hier nicht um typische Melodiewendungen, wie sie im Gesangsrepertoire
vorkommen, sondern dezidiert um das Verhältnis der einzelnen Tonstufen
mit ihren verschiedenen Eigenheiten zueinander. Das Ziel dieses Kapitels
ist es, eine räumliche Vorstellung von dem Tonsystem zu vermitteln. Daneben
wird deutlich, dass der Baustein dieses Systems, das Tetrachord, auf den
Halbtonschritt zentriert ist9. Die einzelnen Tonwendungen dehnen
aber den Umfang des Tetrachords aus, als skalare Größe im Hintergrund
wird dabei das Hexachord sichtbar.
Wenn nun die einzelnen Positionen mit den griechischen Namen singend erlernt
worden sind, kann man anhand der Dasiaschrift unbekannte Gesänge vom Blatt
absingen. Diesen Schritt vollzieht das folgende Kapitel, indem es die
ersten beiden Doppelversikel des Rex caeli anführt10:
Hier können die anhand der Beispielwendungen im vorhergehenden Kapitel
gemachten Beobachtungen wiedergefunden werden. Die erste Melodiezeile
beginnt auf c, dem tetrardus des tiefen Tetrachords, um dann das Finaltetrachord
zu durchlaufen. Die Ausweitung bis zu a, dem archoos des hohen Tetrachords,
somit die Darstellung des gesamten Hexachords, erfolgt nach kurzem Anhalten
auf dem tetrardus, der Tetrachordgrenze, und steht auf der betonten ersten
Silbe des zweiten Halbverses. Der zuvor räumlich erschlossene Umfang liegt
gleich zu Beginn skalar ausgebreitet vor dem Leser. Die zentrale Position
des Halbtons wird durch den Schluss hervorgehoben. Im anschließenden lateinischen
Text wird der Halbton auch als eine Hilfe beschrieben, wenn man bei der
Zuordnung einzelner Töne zu ihrer Stufe im System Schwierigkeiten hat.
Denn wenn der Halbton festgelegt ist, so sind die ihn bildenden Töne die
Stufen tritus und deuterus. Der Rest des Systems kann dann davon ausgehend
abgezählt werden. So können die Melodiezeilen vom Ende her durchgehört
werden, denn am Schluss steht durch den eingeschobenen archoos umspielt
der Schritt vom tritus zum deuterus. Doch schon im Anstieg des Melodiebogens
ist der Halbton hervorgehoben, er fällt in die Wortgrenze zwischen caeli
und domine. Da das Rex caeli wie eine Sequenz gebaut ist und somit innerhalb
des Doppelversikels die Wortgrenzen gleichbleiben, hat der Halbton auch
im zweiten Vers die hervorgehobene Stellung. Dass dies kein Zufall ist,
zeigt der zweite Doppelversikel, dessen Melodielinie nun eine Quinte höher
ansetzt und das Tetrachord der superiores erschließt. Auch hier steht
der Halbton an der Wortgrenze von humiles zu famuli11.
usw.
FORTSETZUNG BzG 28 S.38
Die Niederschrift von Musik mit Dasiazeichen. Untersuchungen zur praktischen
Anwendung eines ‚theoretischen‘ Schriftsystems75
Die Reihe der Dasiazeichen gilt in älterer Literatur als das "Tonsystem
der Musica enchiriadis"76. Sie sei "ein für bestimmte Zwecke
konstruiertes Gebilde"77, besitze außerhalb dieses Zweckes keine
Verwendungsmöglichkeit. Der Sinn der Dasiareihe liege in der Darstellung
und Begründung des Organums. Noch mehr grenzt dieses Waeltner ein, wenn
er statt von Tonsystem von einer "Tonskala" spricht, die "der Verfasser
der ME (...) im Hinblick auf seine theoretischen Betrachtungen aus dem
in dem Tonsystem seiner Zeit vorhandenen Tonvorrat" auswählte78.
Es stimmt, dass die Dasiazeichen außerhalb der Musica enchiriadis kaum
verwendet wurden79. Doch kann man die Einseitigkeit der Beurteilungen
zu diesem Schriftsystem schon in diesem Traktat allein zeigen. Denn das
Dasiasystem dient genausowenig allein zur Darstellung einer entstehenden
Mehrstimmigkeit, wie die Musica enchiriadis auf das Organum hin als Endzweck
angelegt ist80. Die Dasiazeichen werden auch in anderen Traktaten
auch zur schriftlichen Fixierung einstimmiger Melodien angewendet. Und
es können an diesen Aufzeichnungen auch Bemühungen um Fortentwicklung
mit dem Ziel der praktischen Verwendbarkeit gesehen werden81.
Die nachstehenden Untersuchungen sollen denn an bisher vernachlässigten
Aufzeichnungen nicht beachtete Aspekte zu einer Neubewertung des Dasiasystems
und der Musica enchiriadis aufzeigen.
Kapitel I
Die Dasiaschrift ist Ausdruck des Dasiasystems, in ihrer Schriftlogik
spiegelt sich der logische Aufbau des Tonsystems der Musica enchiriadis82.
Sie ist daher zunächst entworfen, um theoretische Überlegungen sichtbar
zu machen. Diese musikalische Spekulationen werden anhand von vorhandenen
Melodien schließlich erklärt. Die Dasiaschrift bildet dabei das Medium
zwischen der Theorie und der Praxis. Durch die Tonzeichen wird die Musiktheorie
in den Melodien veranschaulicht, werden die Melodien theoretisch durchdrungen
und fassbar. Sie sind damit der alleinigen Erhaltung durch das Gedächtnis,
die memoria83, entzogen und nicht nur durch das Gehör wiedererkennbar,
sondern vor allem per se intelligibel84. Von hier aus ist es
dann nur noch ein Schritt, das Schriftsystem vornehmlich zur Aufzeichnung
und zum Absingen zu verwenden. Aus einem sogenannten theoretischen Schriftsystem
wird eine Tonschrift.
Die Entwicklung der Dasiaschrift basierte auf der Übertragung der aristotelischen
Kategorien nach der Einteilung Eriugenas auf die gehörte Musik. Bezug
genommen wird immer auf gesungene Musik, wie auch die Schrift selbst zum
Absingen genutzt werden soll. Der Ausgangspunkt ist die Vorstellung, dass
die Stimme beim Gesang genau artikuliert, dass jeder Laut bewusst gesetzt
ist. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass die Melodie in einzelne Töne
zerlegt und damit theoretisch fassbar werden kann. Als Vergleich wird
am Anfang der Musica enchiriadis auf eine Timaeus-Stelle zurückgegriffen,
die eben diese Verbindung zur Grammatik über die vox articulata schafft85.
So wird auch das Vorbild für die Zeichen der Dasiaschrift aus der Grammatik
genommen und sie selbst in den ersten Kapiteln des Traktats wie eine Buchstabenschrift
verwendet, sie bleibt auf einer Schreibebene stehen. Die einzelnen Zeichen
geben bestimmte Eigenschaften der darzustellenden Töne wieder, die dann
wiederum wie einzelne Laute artikuliert werden können. In der Anwendung
der Schrift wird die Vorstellung von Tonhöhe aber noch nicht wiedergegeben.
Erst die Ausbildung des räumlichen Verständnisses in Kapitel 6 86
erfordert die Einführung einer neuen Komponente in das Schriftbild.
Das Neue in der Darstellung von klingenden Tönen kommt aus dem Bereich
der instrumentalen Musik. In die Musikschrift muss die Erfahrung der Diastematie,
die räumliche Vorstellung eingehen87, und zwar die genau festgelegte
Höhenunterscheidung mit regelmäßigen Distanzen und vollständig skalarer
Ausbildung. Dazu bedarf es wie zu Anfang der Buchstaben und der Grammatik
als Vergleich eines anschaulichen Vorbildes, das abstrahiert in die Schreibform
eingeht88:
(...) fiat dispositio talis: Sternantur in ordine veluti quaedam cordae
e sonorum notis singulis e regione positis procedentes. Sint autem cordae
vocum vice, quas eae significent notae. Inter quas cordas exprimatur neuma
quaelibet, utputa huiusmodi:
Ähnlich wie Saiten eines Instruments werden aus den die Skala der Töne
in Auf- wie Abwärtsbewegung darstellenden Dasiazeichen Linien gezogen.
Auf diese Linien werden die zu singenden Silben gesetzt. Der Text stellt
nach seiner relativen höher oder tiefer gesetzten Schreibung den erklingenden
Ton dar89.
Die Erweiterung der Schrift um die Darstellungsmöglichkeit der Diastematie
ist eigentlich unnötig. Die Höhe des Einzeltons, besser die Lage innerhalb
des Tonsystems als eine kategoriale Größe ist in der Schreibung des Tonzeichens
implicit enthalten90. Nur wurde diese Größe des Einzelnen nun
im Verband mit allen Tönen als gemeinsamer Tonraum bewusst gemacht. Bisher
wurde durch die Schreibung von links nach rechts in einer Ebene nur die
zeitliche Dimension des Nacheinander zum Einzelzeichen hinzugefügt. Mit
dem Bewusstsein eines gemeinsamen Tonraums muss neben dem Einzelzeichen
nun jeder andere irgendwann in der Melodie erklingende oder zumindest
im näheren Umfeld stehende Ton im Moment präsent sein, dies geschieht
durch die symbolisch gezogene Linie. Die im Zeichen selbst implicit enthaltene,
genaue Festlegung der Höhe wird explicit, die Darstellung der Musik gewinnt
zu der Dimension des zeitlich Nacheinander eine weitere hinzu, wird so
zweidimensional.
Eine weitere Dimension, die aber nicht mit den beiden bisherigen zusammengeht,
wird kurz darauf gegeben. Bei der Versetzung der Alleluia-Wendung auf
die Tetrachordtöne kann man alle vier Tonreihen übereinander schreiben,
unterscheidbar durch verschiedene Farbgebung91:
Similiter enim cordis a parte in partem ductis quaterna inter cordas
series continuatim describatur, ita ut unaquaeque series suo proprio sit
insignita colore.
Veranschaulicht wird hier aber nicht ein gleichzeitiges Erklingen, sondern
die vierfache Entfaltung einer melodischen Bewegung aus den einzelnen
Tetrachordtönen heraus. Das Setzen von Tönen übereinander ist hier als
rein räumliche Dimension zu verstehen, eine Gleichzeitigkeit, die ja eine
Einheit des Erklingenden bedeutet, ist durch das Akzidenz der Farben,
die die Verschiedenartigkeit des Einzelnen bei dennoch gleichem Wesen
gewährleistet, ausgeschlossen. Die Darstellung dieses Beispiels bleibt
streng genommen zweidimensional mit der diastematischen Anordnung und
dem zeitlichen Nacheinander, wird durch die Aufzeichnung eines vierfachen
Beispiels in einer descriptio aber mehrschichtig.
FORTSETZUNG BzG 28 S.53

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