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Handschriften vorgestellt:
Paris Bibliothèque Nationale lat. 903: Graduale von St. Yrieix
von Rupert Fischer
Den Beitrag einschließlich Graphien finden Sie in
Beiträge zur Gregorianik 25,
S. 105 bis 119
Vorbemerkung: Da die Einführung in die Handschrift Paris, Bibl. Nat.
776 (Albi) (BzG Heft 23) relativ ausführlich mit den aquitanischen Neumen
bekannt gemacht hat, werden bei der Vorstellung dieses Codex nur mehr
die Neumen herausgegriffen, die sich vor allem in ihrer Bedeutung wesentlich
von denen des Codex BN 776 unterscheiden.
Kodikologische Angaben1
- Bibliotheksbezeichnung: Paris, Bibliothèque Nationale lat. 903
- Zitierung: Y, auch: BN 903
- Veröffentlichung: Paléographie Musicale XIII, Tournai 1925; Nachdruck:
Berne 1971
- Herkunft: aus der Abtei Saint Yrieix
- Datierung: Anfang 11. Jahrhundert
- Es handelt sich um ein Graduale mit Prosulae und Prozessionsantiphonen
und ein Tropar-Prosar: vgl. 26/6-7: PSVL (= Prosulam) Cantemus eia RQ
(= require) IN PROSARIO2. Der ganze Codex besteht heute aus 204 Pergamentfolios
von der Größe 310 x 400 mm. Veröffentlicht ist nur das Graduale. Es umfaßt
fol. 1r bis 133r.
- Es werden die Seiten gezählt (entsprechend der Ausgabe der Pal. Mus.,
obwohl die Foliozählung, welche die Lakunen schon berücksichtigt, gut
sichtbar ist).
Inhalt des Graduales
1: ITE(M) INTROITUS. D TE LEVAVI = Intr. des 1. Adventssonntags. In der
ersten Zeile links ist das Ende eines Einleitungstropus zur und der Anfang
der Com. Dominus dabit (mit Neumen). Der freie Platz, der für eine nie
ausgeführte Initiale "A" vorgesehen war, wurde von späterer Hand beschrieben
mit der Sequenz Uictime paschali laudes immolant xpistiani (darüber steht
von einer anderen Hand, kleiner geschrieben, der Text Uirginis marie laudes
intonant xpistiani), über dem Text stehen rechteckige Einzelnoten
1-265: Proprium de tempore mit integriertem Heiligenteil
232-238: Zwischen dem letzten Heiligenfest des Kirchenjahres (S. Valeriae
Virginis) und den Sonntagen nach Pfingsten sind Votivmessen eingefügt,
darunter
235-238: Messen In agenda mortuorum.
260: De Sca Trinitate
263: In dedicatione eccl(esi)e
Rubriken und Abbreviaturen
ANTIPH: Antiphonas: Antiphonen
AL/AL A: aliam antiphonam: eine andere Antiphon
ITE(M)/IT AL A: item aliam antiphonam: ebenso eine andere Antiphon
ANTIPH PROCESS/ANT PROCESS: Antiphonas processionis: Prozessionsantiphonen
AL A: aliam (Antiphonam): eine andere Antiphon
IT AL: item alia: ebenso eine andere Antiphon
CO: Communio
GR: Graduale
HYMNUS: Benedictus es domine deus patrum nostrorum
HYMNUM: Benedictus es in firmamento celi
ITE(M) HYMN: item hymnum: ebenso ein Hymnus
INTROIT/INTROITUS: nur p. 1, 65, 121, 263 sonst fehlt die Bezeichnung
OF: Offertorium
P: Psalmus
PROSULA/PROSL/PSVL/PSL: Prosula
TRACTU(M)/TRACTUM/TRACT/TR/TRACTUS (262): Tractus
AL TRACT/TRACTU(M)/TRACTUM: alium tractum: ein anderer Tractus
V: Versus
ITE(M) VERSVS: ebenso ein Vers
Lakunen
zwischen p. 12/13 (es fehlt das Fest des hl. Thomas - vermutlich - und
der größte Teil der Messe der Dominica IV de Adventu) und 220/221 (es
fehlen 2 Monate des Proprium Sanctorum: 28. August bis 18. Oktober)
Texte ohne Neumen
164/2 (Seculorum amen), 264/8-11 (Tr. Domus mea)
Spätere Zusätze
1: Sequenz Victime paschali laudes mit breiten fast rechteckigen Einzelnoten
19 unten: Uerbum patris hodie processit mit quadratartiger Notation und
F-Schlüssel
33 unten: aquitanische Neumen, die denen von Gr. "Iurauit dominus" entsprechen
98 linker Rand: Sancta et inmaculata v(ir)ginitas ... mit quadratartiger
Notation, 6 mal um eine Linie
114 linker Rand: senkrecht Hymnus der Prim ohne Neumen "Iam lucis orto
sidere ... nocentibus"
166/6-8: Textkorrektur, Rasur der ursprünglichen Neumen, Ersatz durch
Quadratnoten um 1 Linie
182 unten und 183 unten: All. V. Hodie omnes apostoli mit Quadratnotation
ohne Linie
221/8: späte Korrektur der Incipits des Intr. und des All.-V.
250 links: Prosula beatae mariae "Hodie pia mater"mit Quadratnotation
ohne Linie
Hinweise für den Rubricator
Damit der mit dem Schreiber des Textes nicht identische Rubricator wissen
konnte, welche Majuskeln bzw. "Überschriften" und "Titel" er zu malen
hatte, schrieb ihm der Textschreiber dies häufig klein am Rand hin (19/9:
psl) - was durch die Buchbinderarbeiten z. T. weggeschnitten wurde. Öfter
steht aber dieser kleine Hinweis auch direkt über der später gemalten
"Überschrift".
Nachträglich geschriebene Schlüsselbuchstaben
9/8 (hier hatte der Schreiber offensichtlich das eq vergessen; allerdings
sind die beiden Schlüsselbuchstaben merkwürdigerweise im Abstand einer
Quint geschrieben)
Abkürzung von Formeln
Von bekannten Formeln wird oft nur der Anfang geschrieben, für die "Fortsetzung"
steht ut (15/1; 29/1) bzw. gewöhnlich ut s (= ut supra) (42/11; 157/10;
180/1; 186/6; 203/9 usw.; für einen ganzen Vers: 233/9.
Offensichtlicher Fehler
67/6 exaudiuit uocem meam ist eine Sekund zu hoch gesetzt.
Lagen-Nummerierung
z. B. 44 unten (III), 60 unten (IIII), 92 unten (VI), usw.
Neumen mit melodischer Bedeutung und andere melodische Eigenarten_inhalt
"Neumen mit melodischer Bedeutung und andere melodische Eigenarten"_
Satzspiegel: Jedes Folio hat 24 ins Pergament geritzte Linien. Davon dienen
12 für den Text. Eine Ausnahme macht nur p. 1, wo auf dem Platz der ersten
4 Linien der dreizeilige Text ITE(M) INTROITUS/ (A)D TE LEVAVI/ ANIMAM
steht.
Neumen: Über dem Text stehen die diastematischen aquitanischen Neumen,
die sich jeweils um eine geritzte Linie gruppieren.
Custos: ein Tractulus, der links mit einer dünnen schrägen Haarlinie nach
oben und unten versehen ist, steht am Ende jeder "Zeile" (sofern das Stück
nicht hier endet).
Melodische Hinweise
Der Schreiber gibt entscheidende Hinweise für die melodische "Entzifferung"3.
a) Die einzige ins Pergament geritzte Linie, um die sich die Neumen gruppieren,
hat die Funktion einer "Schlüssellinie" mit - in der Regel - folgender
Bedeutung:
- bei den authentischen Modi bezeichnet sie die Terz über der Tonica;
18/11-12 Intr. Puer natus est (VII. Modus), 19/1-4 Gr. Viderunt (V. Modus),
also:
I. Modus = FA, III. Modus = SOL, V. Modus = la, VII. Modus = si naturale
- bei den plagalen Modi bezeichnet sie die Tonica selber: 19/4-8 All.
V. Dies und Ortus est (II. Modus). Eine Ausnahme macht der IV. Modus,
wo die Linie dem FA (und nicht dem MI) entspricht. Also:
II. Modus = RE, IV. Modus = FA, VI. Modus = FA, VIII. Modus = SOL4.
Allerdings ist in unserer Reproduktion diese Linie oft nicht zusehen;
es kann auch die durchschimmernde Linie der Rückseite bzw. des vorausgehenden
oder folgenden Folios von der Fotografie erfaßt worden und damit in der
Reproduktion sichtbar sein.
Wenn die normale Bedeutung der Linie "verlassen" wird, zeigt der Neumenschreiber
dies durch "e", meistens durch "eq" (aequaliter) an (so häufig bei Gradualien
des V. Modus zwischen dem Ende des Responsums und dem Beginn des Verses)5.
Dieses "e(q)" gibt, wie ein Custos in anderen Handschriften, die Note
an, mit der es im folgendem weitergeht, z. B. 18/4, 21/3. Es muß nicht
auf derselben Tonstufe wie die letzte vorausgehende Note stehen, sondern
kann auch - wie ein Custos - am Platz einer rein gedachten Note stehen,
z. B. 21/10.
b) Die Verwendung bestimmter Neumenzeichen gibt klare melodische Angaben6:
Es gibt drei Arten der Virga:
1. Normalform, in der musikalischen Bedeutung neutral
2. "Virga semi-circulaire" = die halbkreisförmige Virga
3. "Virga cornue" = die gezackte Virga, oft nur
Davon haben Nr. 2 und 3 musikalische Bedeutung, die sich in der Zusammensetzung
mit anderen Elementen folgendermaßen zeigen:
Pes mit halbkreisförmiger Virga:
er zeigt immer das Intervall eines Halbtons an.
Beispiele: 19/3 dominus, 20/6 und 21/3 preparatio, 20/10 in uirtute, 21/5
sanctificanda, 21/8 saciat, illustrat
die gezackte Virga
- gibt beim Pes mit Sekundintervall immer den Ganzton an
(la-si naturale, RE-MI oder SOL-la).
Beispiele: 19/7 uterum, 19/11 loquens
- gibt beim Pes mit Terzintervall immer die große Terz an.
Hier kein Beispiel. Sonst z. B. 9/4 et pariet, 48/9 Post partum, 48/11
Post paterni; in Komposition: 54/3 Mitte Beatus es (sol-si naturale; man
beachte zuvor im Melisma zweimal den Pes mit der halbkreisförmigen Virga
für das Intervall si naturale-do).
- kommt bei anderen Neumen immer mit Ganztonabstand zur vorausgehenden
Note vor: als Zwischennote oder obere Note eines Scandicus : 21/9 alleluia
(Zwischennote); sonst z. B. 10/1 Veni und 30/10 Ecce advenit (obere Note);
so finden wir bei der Intonation RE-la-si naturale regelmäßig die "Virga
cornue" als obere Note: hier nur Beispiel mit Intervall Sol-re-mi: 19/12
loquutus est, sonst: 8/2 Rorate, 13/3 Ideoque, 36/1 Iubilate, 36/11 Loquutum
est, 37/9 Statuit; als oberste Note eines Pes subpunctis, Scandicus subpunctis;
entspricht als Schlußnote von Resupinus-Neumen immer einem si naturale,
MI oder LA: 19/11 prophetis (Torculus resupinus).
der Quilismascandicus wird ausschließlich für eine kleine Terz mit dem
Halbtonintervall zwischen zweiter und dritter Note verwendet:
Beispiele: 18/11 imperium, 18/12 angelus, 19/1 seculorum amen, 19/2 de-i
Wo also andere Handschriften den Quilismascandicus bei einer großen Terz
oder bei einer kleinen Terz mit dem Halbton zwischen erster und zweiter
Note verwenden, gebraucht der Schreiber von St. Yrieix dieses Zeichen
nicht:
Beispiel: 19/2 omnis (vgl. GT 48/6): für das Intervall la-si b-do schreibt
BN 903 nicht das Quilismazeichen - anders als die Vaticana -, sondern
nur für SOL -la-si b.
die aus Akzenten gebildete Form des Porrectus (praepunctis) (als Torculus
resupinus, Torculus resupinus flexus bzw. Scandicus flexus resupinus)
wird nur verwendet, wenn die mittlere Note einen Halbton tiefer ist als
die vorhergehende bzw. folgende:
Hier kein Beispiel. Sonst z. B. bei Tractus/Cantica des VIII: Modus: 59/3
intendentes (liqueszierend), 59/4 orationem, 61/2 liberentur, 150/8 ascensorem,
150/9 in salutem, 150/12 uberi, 151/1 in medio, 151/2 sabaoth; bei Tractus
des II. Modus: 73/3 Qui habitat, 74/5 Eripiam eum, 74/6 longitudinem;
andere Fälle: 61/4 mirifica, 62/5 mirabilia, 62/6 populum, 72/11 Invocavit
me et ego exaudiam
die (äußerst seltene) Verwendung des s-förmigen Oriscus in aufsteigender
(Salicus-/Scandicus-)Bewegung gibt zur folgenden Note das Intervall des
Halbtons MI-FA an.
Auf "unseren" Seiten kein Beispiel. Sonst etwa 167/12 dico, 168/1 uobis,
186/4 und 5 Alleluia, 186/5 omnes, 226/8 Alleluia7.
Melodische Zuverlässigkeit:
Wie sich aus diesen knappen Angaben schon ersehen läßt, war hier ein "Theoretiker"
am Werk.
Ein Vergleich mit der Handschrift von Albi (Paris, Bibliothèque Nationale
lat. 776) zeigt, daß der Schreiber von BN 903 chromatisch veränderten
Tönen oft durch Veränderung der Melodie, bzw. von Teilen der Melodie aus
dem Weg geht.
Man vergleiche z. B. die Gradualien des II. Modus. Die Vaticana notiert
sie im c-(do-) Schlüssel, um nicht ein MI B (es ist fraglich ob die Erniedrigung
richtig ist!) und das tiefe SI B schreiben zu müssen; durch die Transposition
in die Quint erscheinen diese Töne als si b und FA. BN 903 schreibt an
Stelle des tiefen SI B (= in der Vaticana FA) grundsätzlich einen Ton
tiefer, also LA; man vgl z.B. 14/12 Gr. Tecum principium ... uirtutis
tue, 15/1 luciferum genui te, 15/3 scabellum pedum. Sicher ist, daß BN
903 das MI nicht erniedrigt hat, sonst hätte es die Melodie auch an dieser
Stelle verän- dert8.
Eine ähnliche Beobachtung macht man bei den Introitus mit der Intonation
RE-SI B-Do (z.B. Dicit Dominus ego cogito). Diese Intonation ist immer
zu RE-DO-RE verändert9.
Beim Gr. Diffusa est10 (28/9) wird zur Vermeidung des Mi b der Anfang
verändert11.
Weitere Eigenarten:
Halbtöne sind öfter, aber nicht generell zur oberen Note (FA/do) verschoben.
Der Rezitationstion des 3. Psalmtones ist do.
Wie in anderen aquitanischen Handschriften beginnt die Intonation des
8. Psalmtons mit FA, an den sich die Clivis la-SOL anschließt.
Beim Introitus und bei der Communio steht gewöhnlich der Anfang des Psalmverses
und "Seculorum amen", beides neumiert. Bei den Communiones - und auch
bei Anti-phonen - findet sich oft auch nur "Seculorum amen". "Seculorum
amen" fehlt z. B. 57/7, 124/8, 128/12.
Die letzte Silbe von amen kann ein längeres Melisma erhalten (z. B. 19/1).
Nur besondere Verse werden ausgeschrieben; diese Verse können auch anderen
Büchern der Hl. Schrift entnommen sein. Der Schluß des Psalmtones (Seculorum
amen) kann verändert werden, wenn nur ein Teil der Communio wiederholt
wird (z. B. 21/11).
Ohne Psalmvers und ohne "Seculorum amen" sind Communiones 130/3, 233/5
und 237/3. Doch dies ist sehr selten.
Die Neumen über dem Psalmvers bzw. "Seculorum amen" sind nachträglich
weggeschabt: 6/8, 27/9, 87/2, 201/9, 245/11-12. Hier wäre zu überprüfen,
ob nicht Zweifel an der modalen Einordnung des jeweiligen Stückes der
Grund für die Rasur waren. 164/2 steht "Seculorum amen" ohne Neumen, ohne
daß Spuren einer Rasur auszumachen wären.
Der Codex kennt keinen Alleluia-Anhang, sondern es werden zu jedem Sonntag
oder Fest mehrere Alleluia-Melodien (zur Auswahl) verzeichnet.
Die Offertorien sind mit Versen versehen.
Prosulae unterlegen den einzelnen Noten von Melismen in Alleluia und Vers,
Offertorien und Versen silbenweise Texte.
Die dritte Weihnachtsmesse (Puer natus est) und der Intr. (Anfang) vom
Fest des hl. Stephanus
Übersetzung der Texte (soweit sie nicht in Heft 23 bzw. in früheren Heften
schon wiedergegeben sind)
Dem Intr. Puer natus est gehen Prozessionsantiphonen voraus (ANTIPH PROCESS).
Die erste ist "O maria iesse uirga". Von der zweiten "O quam casta mater
et uirgo) ist ein Teil noch auf p. 18 zu sehen; daher sei ihr Text hier
ganz wiedergegeben.
p. 17
AL(IA) A(NTIPHONA) O quam casta mater et12 uirgo fecunda maria que sine
ulla contaminatione concepit et sine dolore genuit saluatorem o quam casta
p. 18
mater quae nullam nouit maculam deum portare meruit O beatum uentrem MARIE
que tantum nobilem terre protulit ut diceret chorus celestium gloria in
excelsis deo et in terra pax
O wie keusch (ist) die Mutter und fruchtbare Jungfrau Maria, die ohne
jede Befleckung empfangen und ohne Schmerz geboren hat den Heiland. O
wie keusch (ist) die Mutter, die keine Befleckung kennt, (die) Gott zu
tragen verdient hat. O selig der Leib Mariens, der einen so großen Edlen
der Erde hervorgebracht hat, dass der Chor der Himmlischen sagte: Ehre
(sei) in der Höhe Gott und auf der Erde Friede.
AL(I)A O beata infantia
AL(I)A A(NTIPHONA) Letare uirgo maria
IN DIE AD MISSA(M)
Am Tag zur Messe
(Intr.) Puer natus est
P Cantate d(omi)no
p. 19
Seculorum amen
GR Viderunt omnes fines terre
V Notum fecit
Alleluia
V(1) Dies sanctificatus
V(2) Ortus est sicut sol
Alleluia
PROS(U)L(A) Natus est nobis hodie
V Multipharie
P(RO)SVL(A) Multis loquutionibus
von späterer Hand unten hinzugefügt:
Uerbum patris hodie processit ex uirgine virtutes angelice cu(m) canoro
iubilo reddunt laudes domino Pacem bonis omnibus nunciauit angelus refulsit
pastoribus veri solis claritas dicunt omnes gratias (?)
Das Wort des Vaters ist heute hervorgegangen aus der Jungfrau; die Engelskräfte
bringen mit klingendem Jubel Lob dem Herrn dar. Frieden hat allen Guten
verkündet der Engel; aufgestrahlt ist den Hirten der wahren Sonne Helligkeit;
es sagen alle Dank.
p. 20
OF Tui sunt celi
V Magnus et metuendus
V Tu humiliasti
P(RO)S(U)L(A) Dextera dei
p. 21
V Misericordia et ueritas
AD COMVNIONEM Emitte spiritum
CO Uiderunt omnes fines terre
P Iubilate d(omi)no
Viderunt Seculorum amen Salutare
IN NAT(A)L(I) S(AN)C(T)I STEPHANI P(RO)TOM(A)R(TYRIS)
Am Geburtstag des heiligen Stephanus, des Erstmartyrers
(Intr.) Etenim sederunt principes
________________________________
Anmerkungen
1 Für die folgenden Angaben vgl. die Einführung von D. Ferretti zur Pal.
Mus. XIII, 9-53, bes. 9-27. Zur Untersuchung der gegenseitigen Abhängigkeit
von St. Yrieix, Albi (Paris, Bibl. Nat. lat 776) und Toulouse (London,
Brit. Mus. Harl. 4951), die ausführlich auf S. 43-53 mit Hilfe der Reihen
der Alleluiaverse angestellt wird, müßte unbedingt auch das Kriterium
der melodischen Version kommen. Hier bietet Albi (Paris, BN 776) sicher
in der Regel die ursprünglichere Fassung. Auch sollte nicht unbeachtet
bleiben, dass BN 903 mehr Heiligenfeste aufführt als BN 776 oder Harl
4951, darunter auch das Fest der Transfiguratio (6. August) mit Vigil.
2 Le graduel Romain, II Les sources, Solesmes 1957, S. 96: "Graduel de
Saint-Yrieix, suivi du Kyriale tropé et des séquences" (Hervorhebung von
mir).
3 Vgl. dazu die Einleitung zu Pal. Mus. XIII, 139-140
4 Dieser Unterschied in der Bedeutung der Linie zwischen authentischem
(Terz über der Tonica) und plagalem Modus (Tonica) beruht auf der Tatsache,
dass der Neumenschreiber beim plagalen Modus für die Aufzeichnung der
Melodie mehr Platz "nach unten" benötigt.
5 Im Gegensatz zur Angabe von Ferretti, Pal. Mus. XIII, 160 Anm. 1 "Cette
loi (= der musikalischen Verwendung dieser Linie) s'applique égalment
aux mélodies écrites dans les gammes de la, si et do" scheint mir der
Notator von BN 903 zur Vermeidung "häretischer" Töne keine Transpositionen
vorzunehmen, sondern lieber die Melodie zu verändern (vgl. "Melodische
Zuverlässigkeit").
6 In Pal. Mus. XIII bietet Ferretti in der "Étude sur la notation aquitaine"
besonders unter "IV. Tableaeu des principaux neumes aquitains d'après
le Graduel de Saint Yrieix. Signification tonale de la ligne musicale.
Le guidon et l'aequaliter." (154-211) eine sehr ausführliche Beschreibung
der Neumen unseres Codex. Zu den verschiedenen Formen der Virgen vgl.
ebendort 169-170 und 172-176.
7 Näher zu untersuchen wäre, warum dieses Zeichen offensichtlich erst
in der zweiten Hälfte des Gradualteils auftaucht.
8 Daß es die ursprüngliche Melodie (mit SI B) gekannt hat, zeigt die nicht
ausgeführte Änderung im Gr. Angelis suis mandauit de te; dagegen verändert
es die Melodie bei custodiant te in omnibus (73/1) und im V. ad lapidem
(73/3). Ein Versehen scheint dem Schreiber auch bei der Com. Exiit sermo
... donec ueniam (25/9) unterlaufen zu sein, wo in der Originallage des
II. Modus SI B stehen müßte. Oder ließ er seine Sänger tatsächlich SI
NATURALE singen? Die Vaticana transponiert diese Com. in die Quint.
9 Die Vaticana notiert entweder mit c-Schlüssel auf der 4. Linie (Originallage)
und schreibt SI B: Intr. Dicit Dominus (GT 366; BN 903 p. 258/4) und Sacerdotes
dei benedicite (GT 447; BN 903 p. 55/8) oder mit c-Schlüssel auf der 2.
Linie (Transpositionslage): Intr. Exsultate deo (GT 311; BN 903 p. 251/6.
Die Vaticana verbaut sich dadurch hier die Möglichkeit, bei praeceptum
den Halbton des Quilismascandicus von der 2. zur 3. Note zu machen!) und
Sacerdotes eius induant (GT 448; BN 903 p. 209/9).
10 Vgl. die Melodierestitution in BzG 23 S. 14-15 und die dortigen Angaben
zu "Y"
11 Man vergleiche auch die Melodieveränderungen dieser Handschrift in
den in BzG 22 S. 43-73 aufgezeigten Stücken.
Das in der Handschrift bei Minuskelschrift verwendete Abkürzungszeichen
für "et" kann hier im Druck nicht wiedergegeben werden. Die sonst gebräuchliche
Ligatur "&" verwendet der Schreiber gewöhnlich bei Majuskelschreibung.

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