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Ein seltenes Offiziumsformular
für das Fest Mariä Himmelfahrt
von Marco della Sciucca
Den gesamten Beitrag finden Sie in Beiträge
zur Gregorianik 25, S. 47 bis 72
Liturgische und melodische Besonderheiten
Vor ein paar Jahren habe ich in einem Kodex von Atri (Abruzzen) aus dem
Beginn des 14. Jhs.1 Vorsatzblätter entdeckt, die ein und demselben Antiphonar
älteren Datums entnommen sind und Teile eines Offiziumsformulars für das
Fest Mariä Himmelfahrt, zusammen mit Offiziumsteilen des hl. Apollinaris,
des hl. Sixtus und des hl. Laurentius, enthalten. Die mittelitalienische
Neumenschrift und die Textschrift nach Art der gotischen Minuskel, die
sich von der kräftigen Trennung der Auf- und Abstriche herleitet, weisen
unmittelbar die Herkunft der Blätter einer Gegend Mittelitaliens zu, wobei
jedenfalls der nördliche Teil der Abruzzen und somit auch die Gegend von
Atri selbst nicht auszuschließen ist. Ich muß jedoch hinzufügen, daß die
Gesamtansicht einer Seite und die Besonderheiten der Neumen- und Textschrift,
einschließlich der roten Großbuchstaben (mit Ausnahme des einzigen Miniaturbuchstabens
der Fragmente, eines "Q"6 ), sehr stark an die Schriftformen des altrömischen
Antiphonars S. Pietro B 79 der Biblioteca Vaticana erinnern. Aufgrund
dieser seiner graphischen Charakteristika erscheint das Fragment gegen
Ende des 12. Jh. datierbar.
Vor allem eine Besonderheit hat sofort meine Aufmerksamkeit auf dieses
Fragment gelenkt: das Vorkommen von Versen bei fünf der Antiphonen der
1. Nokturn von Mariä Himmelfahrt (davon gibt es auch einige für die Antiphonen
des Festes des hl. Laurentius), von Versen, die offensichtlich der Liturgie
einen höheren Grad an Feierlichkeit verleihen sollten. Im Verlauf meiner
Untersuchungen konnte ich feststellen, daß nicht weniger als 13 Antiphonen
von Mariä Himmelfahrt von besonderer Art sind und daß die Besonderheiten
sich nicht, wie ich im folgenden noch weiter ausführen werde, auf das
Vorkommen der Verse beschränken. Von ausschlaggebender Bedeutung erwies
sich jedoch ganz besonders die Entdeckung des gleichen Formulars für dasselbe
Fest in einer wichtigen mittelitalienischen Handschrift, nämlich C. 5
der Biblioteca Vallicelliana in Rom, mit dem entscheidenden Unterschied,
daß hier das Formular vollständig erhalten ist und so die Identifizierung
anderer besonderer Antiphonen sowie die exakte Rekonstruktion der Ordnung
der in A 18 aufgefundenen Stücke gestattete. Auf diese Weise war es möglich,
sich ein Gesamtbild über die ganze Struktur des Offiziums zu verschaffen.
Im einzelnen sieht das Formular folgende liturgische Elemente vor:
- Erste Vesper mit 6 besonderen Antiphonen
(1 "in Evang." und 1 "ad Stationem", welch letztere in A 18 nicht
vorhanden ist)
in Verbindung mit Versen sowie 1 Responsorium;
- Invitatorium;
- Erste Nokturn mit 6 besonderen und 6 Standardantiphonen sowie 4 Responsorien;
- Zweite Nokturn mit 6 besonderen Antiphonen, 6 Standardantiphonen
(davon 3 in A 18) und 4 Responsorien;
- Dritte Nokturn mit 1 Antiphon und 4 Responsorien, zusammen mit
10 weiteren Responsorien als Alternative;
- Kleine Horen und Laudes;
- Zweite Vesper, die auch 1 Antiphon ("in Evang.") mit einem Vers aufweist;
- es folgen die Formulare für die Oktav, die 4 Antiphonen ("in Evang.")
mit Vers enthalten.
Es handelt sich also um eine eher komplexe und in sich gegliederte Liturgie,
die dem Fest große Feierlichkeit verleiht. Insbesondere stechen einige
Elemente hervor, die dem Formular unter allen in der Handschrift aufgeführten
eine außergewöhnliche und einzigartige Prägung geben: 12 der Alternativvorschlag
doppelter Offiziumsteile für die Nokturnen, das Auftreten von Versen im
Anschluß an die Antiphonen der Ersten Vesper und das Vorhandensein besonderer
Antiphonen.
Was die doppelten Offiziumsteile der ersten zwei Nokturnen anbelangt,
ist hervorzuheben, daß in unserem Fall stets das besondere Formular dem
Standardformular vorausgeht. Das entspricht einem strukturellen Grundprinzip
in der Liturgie, nämlich jenem der Bewahrung des Alten in liturgisch besonders
wichtigen Momenten. Diesem Prinzip zufolge soll die ursprüngliche Ausformung
eines Ritus, kraft eigener unangefochtener Autorität, stets auch mit seinen
traditionellen Gesängen erhalten bleiben, die jedoch den "neuen" nachgestellt
werden. Auf diese Weise gewinnt das neuere Formular den Charakter einer
feierlichen Einführung in den ursprünglichen Ritus. Das führt natürlich
zu der Annahme, daß das besondere Repertoire im Vergleich zum klassischen
das jüngere ist, womöglich bedingt durch lokale Gegebenheiten und Erfordernisse,
die nicht immer leicht zu rekonstruieren sind. Darauf werde ich später
noch zurückkommen.
In diesem Zusammenhang bleibt hinzuzufügen, daß die Tradition eines doppelten
Offiziums für das Fest Mariä Himmelfahrt in Rom bereits im 9. Jh. bezeugt
ist, wenn Amalarius von Metz schreibt: "Simili modo ut superius [d.h.
wie für das Fest des hl. Laurentius], duo nocturnalia officia inveni in
romano antiphonario in vigilia sanctae Mariae de assumptione eius: idcirco
et nos duplicia officia posuimus in festivitate in nostro antiphonario".
Die Doppelung des Formulars würde somit keine Neuerung darstellen, käme
aber auf jeden Fall einer Ausnahmeerscheinung im Bereich der Liturgie
gleich.
Drei Jahrhunderte später schreibt Honorius Augustodunensis (in Regensburg
tätig?, um 1100), daß nach einer altehrwürdigen Praxis im Falle zweier
Offizien das eine ohne Volk, das andere mit Volksbeteiligung gesungen
wurde. Wenn sich hier Honorius auch auf das Fest des hl. Petrus am 29.
Juni bezog, glaube ich doch, daß sich diese Klarstellung auch auf andere
Feste wie das von Mariä Himmelfahrt ausdehnen ließe. Eindeutig läßt die
Anwesenheit des Volkes im Offizium, bei dem normalerweise nur Mönche zugegen
waren, an eine größere Verbreitung und Popularisierung denken, was denn
schließlich zur Erweiterung des Ritus im Sinne szenischer Darstellung
führte. Sind es doch gerade die in C. 5 vorhandenen Ritusanweisungen selbst
(die Fragmente des Kodex von Atri enthalten diese Anweisungen nicht),
die durch ihren Hinweis auf Ausschmückungen und Prozessionsbewegungen
eine solche Deutung bestätigen. Dafür folgende Beispiele:
"Ante primam adornetur totum monasterium: sicut in vigilia Nativitatis
Domini.
Et omnia illo more agantur. Similiter in die festivitatis".16
"Ad Stationem".
"Ad Stationem ipsius principalis altaris".
"Post tertiam agitur processio sicut in nativitate domini".
Damit kommen wir zum zweiten Punkt: den Versen zu den Antiphonen, wesentlichen
Elementen für die Erweiterung des Ritus. Insgesamt 10 Antiphonen weisen
einen solchen Vers auf, 6 in der Ersten Vesper (die klassischen vier für
die Psalmen, jene "in Evangelio" sowie eine "ad Stationem", welch letztere
im Kodex von Atri fehlt, obwohl der betreffende Teil des Formulars erhalten
ist), die Antiphon "in Evangelio" der Zweiten Vesper und die Antiphonen
"in Evangelio" für die Vesper der Oktav. Diese Art Ausweitung der Antiphon
durch einen Vers erweist sich in den Quellen für das Offizium von Mariä
Himmelfahrt als gänzlich ungewohnt, wie man der von Baroffio erstellten
tabellarischen Übersicht des Repertoires in seiner Studie über die Verse
zu den Antiphonen entnehmen kann, und dies macht unser Formular noch interessanter.
Während in der Tat das Phänomen für die Feste des hl. Paulus und des hl.
Laurentius eher weit verbreitet erscheint, sind die Verse zu den Antiphonen
des Festes Mariä Himmelfahrt ausschließlich in unseren beiden Kodizes
zu finden.
Baroffio gelangt darüber hinaus zu der allgemeinen Schlußfolgerung: "Der
literarische Aspekt der Texte zeigt in den versus eine Ergänzung zu den
Antiphonen, wie man sie seit der karolingischen Epoche von der Welt der
Tropen her kennt". Diesbezüglich könnte man sie in Verbindung bringen
mit der gesamten Tradition von Antiphonen, die im Zusammenhang von Prozessionsriten
(sowie den versus ad repetendum des Introitus der Messe seit dem 9./10.
Jh.) stehen und dazu bestimmt sind, "die Festlichkeit der liturgischen
Feier eines Heiligen auf emphatische Weise zu erhöhen". Die ergänzende
Funktion in bezug auf die Antiphon, die eine häufig zu konstatierende
Funktion auch des Tropus ist, geht mit einiger Deutlichkeit aus typischen
Wendungen im Text zu Beginn eines jeden der Verse (Konjunktionen oder
Relativpronomina; "quoniam", "ut", "per quem", "quod", "sicut" usw.) hervor,
aus denen sich dann Relativ-, Final- oder Kausalsätze ergeben. Der Vers
wird so zur erklärenden Ergänzung und textlichen Ausweitung der Antiphon,
mit der sie verbunden ist.
Was den melodischen Gesichtspunkt betrifft, basieren die Verse auf Rezitationstönen,
die ausnotiert und durch zwei zueinander gehörige Formeln gekennzeichnet
sind: eine erste, für den ersten Halbvers, mit erster Intonation, Rezitation
und Mittelkadenz; eine zweite, für den zweiten Halbvers, mit zweiter Intonation,
Rezitation, Flexa und Schlußkadenz. Die ersten vier Verse der Ersten Vesper,
ausnahmslos für Antiphonen des VI. Modus, sind dadurch gekennzeichnet,
daß sie alle denselben Ton verwenden, auch wenn jener der ersten Antiphon
(Vers "Quoniam per te lux") die eine oder andere leichte melodische Variante
im ersten Halbvers, möglicherweise bedingt durch den metrischen Kursus,
aufweist. Im folgenden gebe ich das Schema des Tons (in A 18 in do, in
C. 5 in fa) wieder:
Der Ton für den III. Modus des Verses "Quod si qui eorum" zur Antiphon
"in Evg." Sancta Maria exora semper, der fünften in der Reihenfolge, zeigt
folgende Struktur:
Unschwer läßt sich im Vergleich der beiden Schemata die enge Beziehung
der Töne für den III. und VI. Modus erkennen, so als würden beide sich
aus derselben Rezitationsstufe entwickeln, um sich lediglich in der ersten
Intonation und der Schlußkadenz zu unterscheiden. Interessant ist, daß
in letzterem Fall - im Unterschied zum vorangehenden Beispiel - in den
beiden Quellen keine Transposition stattfindet.
Der Ton für den VIII. Modus des Verses zur Antiphon "in Evg." der Zweiten
Vesper (Hodie Maria virgo, Vers "Regina celi templum") geht nach folgendem
Schema:
Der Ton für den II. Modus der Verse zu den Antiphonen "in Evg." der Zweiten
Vesper der Oktav (Exultemus omnes, Vers "Si quis sponte"; Que in celum
a Domino, Vers "Quam humiliter omnes"; Almificam eius assumptionem, Vers
"Quoniam Deus colit") weist folgendes Schema auf:
Hinzuzufügen wäre, daß der Vers der Antiphon Que in celum a Domino zweimal
die Formel des ersten Halbverses mit einer Apheresis der Anfangsnote der
ersten Intonation wiederholt, die sich so auf die Noten re fa reduziert,
analog zu dem, was auch für die zweite Intonation zu konstatieren ist.
Auch zwischen diesen beiden letzteren Tönen kann - abgesehen von der Transposition
- eine perfekte Übereinstimmung bis zur Rezitation des zweiten Halbverses
festgestellt werden.
Auch die Antiphonen selbst enthalten charakteristische Elemente, die erwähnenswert
sind, sei es wegen ihrer Form, sei es wegen ihrer wenn auch noch so geringfügigen
melodischen Vorkommnisse. Meines Erachtens basieren jedoch diese Antiphonen
nicht auf melodischen Standardformeln. Es können zwar einige sporadische
melodische Ähnlichkeiten auftreten, doch begegnet man mit Sicherheit keinem
Fall einer Adaptation auf präexistierende Melodien des klassischen Repertoires.
Die Komposition der Texte basiert im allgemeinen auf der Technik der Centonisation,
insofern Wörter und Sätze bzw. Formeln aus dem Standardrepertoire, vor
allem jenem der Responsorien, verwendet werden.
Die modale Disposition insgesamt verdient einige Aufmerksamkeit. Die vier
Antiphonen für die Psalmen der Ersten Vesper stehen ausnahmslos im VI.
Modus, die vier besonderen für die Vesper in der Oktav im II. Modus. Hingegen
sieht das tonale Schema der Antiphonen der ersten zwei Nokturnen eine
progressive Aufeinanderfolge der Modi vor, gemäß einer konsolidierten
Praxis, ja gleichsam einer konstanten Gesetzmäßigkeit, die auf eine systematische,
sozusagen scholastische Mentalität hindeuten, wie sie auch in den noch
zu erörternden Formelschemata und in einigen Textstrukturen anzutreffen
ist. Dieses Schema betrifft jedoch nur die besonderen Antiphonen, die,
wie bereits erwähnt, an die erste Stelle gesetzt wurden: Die erste Nokturn
enthält Antiphonen vom I. bis zum VI. Modus, die zweite Nokturn vom VII.
bis zum VIII. und dann erneut vom I. bis zum IV. Modus.
Um noch einmal auf die Antiphonen für die Psalmen der Ersten Vesper zurückzukommen,
kommen diese unter textlichem Gesichtspunkt darin überein, daß die Anrede
sich immer direkt an die Jungfrau Maria richtet, in der zweiten Person
und unter Verwendung verschiedener Ausdrücke in der Vokativform. Alle
stehen, wie schon erwähnt, im Tritus plagalis und machen reichlich Gebrauch
von charakteristischen und ständig wiederkehrenden modalen Formeln, wie
der Wendung re-fa (nicht vorhanden in der dritten Antiphon O sancta mater
domini; in A 18 transponiert geschrieben: la-do), die sich auch in der
Epenthesis-Form do-re-fa findet, ganz besonders aber von der allgegenwärtigen,
etwas volkstümlich anmutenden Kadenzformel sol-la-sol-fa (in A 18 re-mi-re-do),
die es auch in Transposition mit Kadenzen auf anderen Noten als der Finalis
gibt. Die beiden genannten Formeln scheinen in diesem Sinn melodisch-modale
nomoi darzustellen, auf deren Basis sich dann Variationen nach Art einer
Improvisation durchführen lassen. In Gaudete und in O beata virgo findet
sich auch eine Schlußkadenz auf der Subfinalis Mi (Si in A 18), also einen
Halbton tiefer als die Finalis, was wie eine Vorwegnahme des späteren
Konzeptes des Leittons anmutet.
Sehr interessant ist die formale Struktur von O beata virgo, die mit einer
doppelten Exposition eines kurzen melodischen Motivs beginnt, zuerst bei
"O beata virgo angelorum", dann bei den unmittelbar folgenden Worten "choro
sublimata de te enim". Es folgen zwei Abschnitte melismatischen Charakters,
die sich nach und nach aus der Tiefe in die Höhe entwickeln, der erste
bis zum si bei der Stelle "hiezechihel dixit", der zweite bis zum re bei
"propheta"; die beiden Melodieabschnitte am Schluß, bei den Stellen "erit
porta in domo" und "domini clausa", erscheinen wie Varianten der ersten
beiden. Es scheint sich folglich um eine typische dreiteilige Form ABA'
zu handeln, bei der jedoch jeder Teil zwei melodische Abschnitte enthält.
Wie sich die Form genauer darstellt, gibt folgendes Schema wieder:
Angesichts dieser Form ist es vielleicht nicht abwegig, an die Doppelstruktur
mancher Sequenzen zu denken.
Ebenfalls unter dem Aspekt der Formen mit Wiederholungen ist ein weiterer
höchst interessanter Fall mit den zwei Antiphonen "in Evang." Sancta Maria
exora semper und Tota nocte vigilantes zu nennen, die einem identischen
Formschema folgen, nämlich AA'x (x als Bezeichnung eines kurzen Abschnittes
am Schluß), was sich wie folgt detaillierter darstellen läßt:
Bleibt hinzuzufügen, daß die musikalischen Unterteilungen nicht immer
mit denen des Textes zusammenfallen. So dürfte sich z.B. in der Antiphon
O beata virgo der Text etwa in folgende Abschnitte untergliedern:
O beata Virgo angelorum choro sublimata
de te enim Hiezechihel dixit propheta
erit porta in domo Domini clausa.
Hingegen legen die Kadenzstruktur und die musikalische Wiederholungsform
die Trennungslinie quer durch die Textstruktur des Verses, so daß folgende
Einteilung entsteht:
In einer Ausführung, die dem phraseologischen Rhythmus des Textes nach
Art des ersten Schemas Rechnung trägt, wird man gewahr, daß die zugrundeliegende
musikalische Form schwer zu erkennen ist. Handelt es sich also um eine
schlechte Adaptation der Musik an den Text? Mir scheint es eher angebracht,
die Hypothese aufzustellen, daß die Phasenverschiebung auf das Bestreben
zurückzuführen ist, die Technik der Wiederholungsform ein wenig zu tarnen,
eine Technik, die vielleicht durch nicht eigentlich kirchliche Repertoires
oder, noch wahrscheinlicher, durch Repertoires besonderer Liturgien wie
der altrömischen32 beeinflußt wurde und die sich zu weit von den typisch
prosahaften kompositorischen Modellen des klassischen Gregorianischen
Chorals entfernen würde. Ob nun die Hypothese einer Vermengung soziokulturell
unterschiedlicher Repertoires, wie etwa eines geistlichen und eines weltlichen,
oder unterschiedlicher Liturgien (wie im Fall des altrömischen Chorals,
aufrechtzuerhalten ist oder nicht, so kann doch darüber kein Zweifel bestehen,
daß sich einige dieser Melodien als Beispiele ganz besonderer Kompositionstechniken
im Bereich des Gregorianischen Chorals erweisen. Diese Techniken, die
auf im voraus festgelegten und gewissermaßen "geometrischen" Formstrukturen
beruhen, scheinen gut zu jener systematischen Mentalität zu passen, die,
wie wir gesehen haben, die einzelnen Momente der Feier des Offiziums auf
der Grundlage arithmetisch-modaler Kriterien organisierte.
Es fehlt auch nicht an weiteren Beispielen von Wiederholungsformen in
diesem Repertoire der besonderen Antiphonen, zumal bei denen mit Versen.33
Was hier jedoch bedeutsamer erscheint, ist die Tatsache, daß jede dieser
Melodien einem eigenen Schema folgt, das von dem der anderen völlig verschieden
ist, die eben durch das Prinzip einer mehr oder weniger strengen Wiederholung
als zusammengehörig ausgewiesen sind.
Eine weitere Besonderheit betrifft einige "Koloraturen", die akustisch
auf die Bedeutung bestimmter Wörter aufmerksam machen wollen. Bei einigen
von ihnen ist diese Intention evident, bei anderen zweifelhaft. Hierzu
einige Beispiele:
1. O beata virgo: ausgedehnte Melismen über "Hiezechihel" und "propheta";
2. Admirabilis est: aufsteigende Melodiebewegung über "exaltata";
3. Ascendit hodie: jäh aufsteigende Melodiebewegung über "Ascendit";
4. Ascendit hodie: offensichtliche neumatische Auszierung über "flores",
mit fünf stufenweise ansteigenden Noten über "flo-" und vier stufenweise
absteigenden Noten über "-res";
5. Ascendit hodie: vier stufenweise absteigende Noten über "convallium";
6. Credimus enim: aufsteigende und absteigende melodische Figur über "salvator"
und "virgini";
7. Que in celum: ausgedehnte Melismen über "sublevata" und "super angelos
exaltata";
8. Almificam eius assumptionem: ausgedehntes Melisma über "honorificemus".
Was den oligotonischen Vertonungsstil betrifft, möchte ich auf die häufigen
Angaben von Liqueszenzen aufmerksam machen, die in beiden Handschriften
unterschiedlich verteilt sind. Darüber hinaus weist die Handschrift C.
5 einen viel häufigeren Gebrauch reperkutierter Noten als die Handschrift
A 18 auf.So kommen wir nun zu historisch-geographischen Überlegungen.
Aufgrund all der oben beschriebenen Beobachtungen, der verschiedentlichen
Ähnlichkeiten und besonders der selteneren und eher einzigartigen Besonderheiten,
die beiden Handschriften gemeinsam sind, kann man den eindeutigen Schluß
ziehen, daß die beiden Handschriften von ihrem Ursprung her in einem gewissen
verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander stehen, jedenfalls was das
Repertoire von Mariä Himmelfahrt betrifft. Wurden sie für ein und dasselbe
Kloster geschrieben und gingen dann verschiedene Wege? Oder sind sie das
Produkt ein und derselben Schreibschule, womöglich von einem unbekannten
Archetyp abstammend, aber mit unterschiedlicher Bestimmung? Oder war vielleicht
C. 5 die Schreibvorlage für die jünger scheinende Handschrift von Atri?
Ist dann die Hypothese aufrechtzuerhalten, der eventuelle verlorengegangene
Archetyp stamme aus Atri? Und wenn nicht aus Atri, woher dann? Und schließlich,
welche der beiden Handschriften ist im Fall einer unbekannten Schreibvorlage
dieser als am nächsten stehend zu betrachten? Um Hypothesen über die Ursprünge
aufzustellen, ist es wichtig, auch die geschichtlich-liturgischen Gegebenheiten
der mutmaßlichen Herkunftsorte bzw. ursprünglichen Bestimmungsorte beider
Handschriften zu kennen.

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