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Das Graduale Romanum
von Dom Prosper Guéranger bis 1974
von Felice Rainoldi (Auszug)
Den gesamten Beitrag finden Sie in Beiträge
zur Gregorianik 31, S. 27 bis 52
(Übersetzung von Elisabeth Meir-Brügger und Heinrich Rumphorst)
Vorwort
Die verwickelte Geschichte der Aufarbeitung eines liturgisch-musikalischen
Buches im Umfeld verschiedener Verfahrensweisen und Problemkreise, die
sich in fast 150 Jahren daraus ergeben, nachzuzeichnen: das ist der Horizont,
den dieser Titel absteckt. Selbst ein ganzes Buch würde nicht dafür genügen!
Aber es ist sinnlos, sich bei solchen Entschuldigungen aufzuhalten.
Ich beginne damit, einige wichtige Unterscheidungen vorzuschlagen, und
zwar im Hinblick auf einen realistischen, klar zusammenfassenden Abriss
des komplexen Panoramas, ohne mich in der Menge der Anmerkungen zu verirren
und ohne in einem der, wenn auch wichtigen, grundlegenden und womöglich
ungelösten Teilprobleme zu versanden. Diese Unterscheidungen soll der
Leser während der Lektüre dieses Textes präsent haben, handelt es sich
im Folgenden doch um ein Überkreuzen von Daten und um Verflechtungen von
verschiedenen Aspekten der Realität. Anders gesagt: Es ist nützlich, an
das Zustandekommen und die Verbindung verschiedenster Betrachtungspunkte
zu dem einen Gegenstand des Graduale Romanum zu erinnern, da diese,
innerhalb der angegebenen Periode, ein eigenes, spezifisches Gewicht bekommen.
Dieses gedrängte Vorwort gibt einen allgemeinen Bezugs- und Orientierungsrahmen,
der als Kontext für die folgenden Erörterungen dient, durchwirkt mit naheliegenden
und fast chronikartigen Mitteilungen, die an einem Teilgebiet einige Besonderheiten
der Problematik aufzeigen. Hier jedoch ein kurzer Hinweis auf den Umkreis,
in dem sich das historische Ereignis des Graduale Romanum abspielt,
von den Anfängen des 19. Jahrhunderts bis 1974. Alle genannten Aspekte
sind eng miteinander verbunden. Sie alle haben aufeinander Wechselwirkung,
indem sie auf Orientierung und Auswahl bestimmenden Einfluss ausüben.
– Musikwissenschaftlich-musikalischer Aspekt: Es handelt sich um
den auffälligsten Teilaspekt. Die Restauration des Gregorianischen Gesangs
(nicht nur im Graduale, sondern auch in anderen liturgischen Büchern)
zeigt sich im allgemeinen Kontext der Reform der "musica sacra", im Lichte
der Kultur des 19. Jahrhunderts. Innerhalb dieser Perspektive sind diese
beiden Hauptziele zu erreichen:
a) die kritisch gültige Rekonstruktion des melodischen Korpus und das
Bemühen um dessen am wenigsten unangemessene Notation;
b) die Suche nach einer Kunst der ‚Aufführung‘, die den Gesang überzeugend
und packend darstellt, eventuell auch ohne Berücksichtigung des Ergebnisses
der Restaurations-Bemühungen.
– Liturgisch-kirchlicher Aspekt: In dieser Hinsicht erscheint das
Graduale als grundlegendes, am meisten ausschlaggebendes Repertoire, das
für den Kult entscheidende. Es ist der wertvollste Vorrat, um den Glauben
zu verkünden und zu singen und das am besten geeignete Instrument, Einheit
zu schaffen. Innerhalb dieses Horizontes zeigen und ergeben sich verschiedene
Zielsetzungen:
a) die Einmaligkeit des Graduale Romanum als Instrument des einheitlichen
Zelebrierens;
b) die der Tradition entsprechende Authentizität seiner spezifischen Melodien;
c) die Notwendigkeit einer entsprechenden Aneignung dieser Melodien im
Gebet;
– Editionsrechtlicher Aspekt: Auch diese Perspektive ist von großem
historischem Gewicht, und die daraus abgeleitete Norm ist auch heute nicht
ohne Bedeutung.
– Theologisch-pastoraler Aspekt: Nicht unterzubewerten ist diese
Perspektive, die sich bereits innerhalb der von der Geschichte festgehaltenen
Ereignisse bemerkbar machte. Sie besitzt Aktualität im Hinblick auf einen
wünschenswerten Einfluss auf die Überlegungen zur liturgischen Musik für
eine aufgeklärte heutige ‚Wiederentdeckung‘ des inneren Wertes des Graduale
Romanum. Wenn es einerseits richtig ist, dieses Buch zu würdigen für
seine riesige wissenschaftliche Aufarbeitung und mit dem Ziel seiner Revision,
so ist es andererseits ebenso wichtig, es als ‚paradigmatisches‘ Buch
zu würdigen, dank der grundlegenden Probleme in Bezug auf den liturgischen
Gesang überhaupt. Dass es gelinge, seine traditionellen Reichtümer weise
zu ‚aktualisieren’, zum Vorteil der Liturgiereform des II. Vatikanischen
Konzils, ist ein wünschenswertes Ziel für die Kirche von heute.
Ich werde im Folgenden versuchen, der Vermischung dieser verschiedenen
Perspektiven Rechnung zu tragen, innerhalb der Grenzen dieser Erörterung.
Ich werde aber die einzelnen Aspekte nicht nach dem dargelegten Schema
verfolgen, sondern diese innerhalb meiner erläuternden Darstellung wiederaufnehmen.

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