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Die Notation von
Stücken mit chromatisch alterierten Tönen
- Schwierigkeiten der melodischen Restitution
von Rupert Fischer (Auszug)
Den gesamten Beitrag finden Sie in Beiträge
zur Gregorianik 29, S. 43 bis 87
A) Die mittelalterliche diatonische Skala
Die mittelalterliche diatonische Skala geht zurück auf das griechische
diatonische Systema teleion, deren Hauptelement das Tetrachord ist2. Die
Tetrachorde dieses spätantiken Doppeloktavsystems haben jeweils den Halbton
unten: B-C, E-F, b-c-, e-f und a-bb:
Wir haben folgende Tetrachorde:
1. Tetrachord, die Hypatoi = die oberen Töne, so benannt nach der Spielhaltung
der Kithara: B-C-D-E. B ist das B durum, unser Ton H.
Durch den gemeinsamen Ton E verbunden damit ist das
2. Tetrachord, die Mesoi = die mittleren Töne: E-F-G-a.
Das folgende Tetrachord baut auf b (b durum) auf, hat also keinen gemeinsamen
Ton mit dem vorausgehenden:
3. Tetrachord, die Diezeugmenoi, die unverbundenen Töne: b-c-d-e. b ist
das b durum, unser h.
Wieder verbunden damit durch den Ton e das
4. Tetrachord: die Hyperbolaioi = die darüber hinaussteigenden Noten:
e-f-g-a'.
Das System wird durch Hinzufügung des tiefen A, des Proslambanomenos =
des hinzugefügten Tons, auf 2 Oktaven gebracht.
Um die getrennten Tetrachorde in der Mitte zu verbinden, fügte man ein
auf a aufbauendes Tetrachord ein, die Synemmenoi = die verbundenen Noten
(von synaptv ich füge zusammen), bei dem das b = b durum zu bb = b molle
erniedrigt wird, damit das Tetrachord gleich gebaut ist: a-bb-c-d.
Damit ist im Systema teleion nur das hohe b veränderlich.
Bei den mittelalterlichen Tetrachorden lag der Halbton jeweils von der
zweiten zur dritten Stufe.
Wir haben folgende Tetrachorde:
1. Tetrachord: die Graves = die tiefen Töne: A-B-C-D mit dem Halbton von
B (= unser tiefes H) nach C.
Verbunden mit diesem durch den gemeinsamen Ton D das
2. Tetrachord: die Finales = Endtöne der einzelnen Modi: D-E-F-G mit dem
Halb- ton E-F.
Getrennt ansetzend, also ohne gemeinsamen Ton das
3. Tetrachord: Tetrachordum disiunctum = die Superiores = die höheren
Noten: a-b-c-d mit dem Halbton b-c (der Ton b ist das b durum also unser
h).
Verbunden durch den Ton d das
4. Tetrachord: die Excellentes = die herausragenden = ganz hohen Töne:
d-e-f-g mit dem Halbton e-f.
Diesen Tetrachorden wird der in manchen Stücken benötigte Ton (Gamma)
als sogenannter Proslambanomenos = vox adiuncta vorangestellt. (Von diesem
Buchstaben rührt das in manchen Sprachen übliche Wort für Tonleiter her,
ital. la gamma, frz. la gamme.)
Die "Lücke" der unverbunden nebeneinander stehenden Tetrachorde D-E-F-G
und a-b-c-d überbrückt das auf G aufgebaute Tetrachord, das Tetrachordum
coniunctum, das ebenfalls den Halbton von der zweiten zur dritten Stufe
hat, wozu das b (= b durum = unser Ton h) erniedrigt wird: bb (= unser
Ton b).
Es war also nur das "höhere" b variabel: entweder b (b durum) des Tetrachordum
disiunctum oder bb (b molle) des Tetrachordum coniunctum, nicht jedoch
das tiefe B (B durum) der Graves3.
In einem 1663 erschienen Werk über Gregorianischen Choral4 erscheint diese
Skala folgendermaßen:
Wir sehen auch hier das tiefe B als B quadratum geschrieben (= "H") ("Das
ist das B durum oder wie es sonst genennet wird das viereckgete grosse
B"), während nach dem a sowohl b (unser "b") wie auch geschrieben ist
("Das ist das klein b moll und dur in eodem spatio").
Erweiterung der Skala in der Handschrift Graz 807
Der Schreiber der Handschrift Graz Univers. 807 ("Klosterneuburg") (oder
seine Vorlage) bricht aus diesem starren Schema aus, indem er auch das
tiefe B der Graves für variabel "erklärt": Wo notwendig, schreibt er BB
für das erniedrigte tiefe B, bzw. in der Zeile, an deren Anfang der Schlüsselbuchstabe
B steht, ein weiteres B vor dem erniedrigten Ton5.
Man vgl. in der Handschrift z. B. von den Gr. des II. Modus im Gr. Tollite
portas 5v/4 principes uestras, 5v/5 & introibit rex, 5v/8
manibus & mundo corde, 6v/11 Com. Ecce dominus ueniet &
omnes sancti oder die Intonation der Intr. Sacerdotes dei 39/3,
Sacerdotes eius 139/11, Exultate deo ... iocundum
... deo iacob 156v/8, Dicit dominus ego cogito 162/3.
FORTSETZUNG BzG 29 S.46

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